Heinrich Lutz: Demokratie im Zwielicht. Kösel-Verlag, München, 143 Seiten, 8,80 DM.

Während das Verhalten des deutschen Katholizismus gegenüber dem Dritten Reich in den letzten Jahren das Thema einiger wichtiger Arbeiten gewesen ist, hat man bis heute dessen politische Rolle in der Zeit der Weimarer Republik noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Heinrich Lutz will sein Büchlein, dessen vorläufiger Charakter er betont, als eine Skizze jener bisher weniger beachteten geschichtlichen Landschaft zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Mitte der zwanziger Jahre verstanden wissen.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges wurde auch von den Katholiken begrüßt: bot sich doch ihnen 1914 – ebenso wie den „vaterlandslosen“ Sozialdemokraten und der jüdischen Intelligenz – endlich eine Chance, aus der Getto-Situation herauszukommen. Ja, sogar die Vision einer durch die Mittelmächte forcierten Rekatholisierung Europas tauchten auf. Schelers Kriegsschriften dokumentierten solche Hoffnungen. Bereits hier begann jene verhängnisvolle Übertragung religiöser Kategorien auf außerreligiöse Bereiche; die „Volksgemeinschaft“ wurde so geradezu zum corpus Christi mystricum.

Auch die Lenkswendung des Zentrums 1917 brachte keine Wende, die Partei war mit ihrem schwankenden Opportunismus unfähig, die Militärdiktatur Ludendorffs zu brechen. Die Aufnahme Erzbergers in die letzte kaiserliche Regierung unter Prinz Max von Baden entsprang makabrerweise nicht der linksorientierten Koalition vom Juli 1917, sondern den Forderungen der Obersten Heeresleitung, die bereits ihre Rehabilitierung für übermorgen vorbereitete: „Diese Herren sollen jetzt die Suppe auslöffeln.“

1918 vollzog sich der Eintritt in die „ungewollte Republik“. Die Empörung über Versailles war groß und verhinderte eine nationale Selbstkritik. Dennoch stimmte das katholische Zentrum für den Friedensvertrag, Lutz zeigt, wie in diesen Jahren ein anfangs noch handfester Legitimismus – vor allem in Bayern – immer mehr vom pseudo-konservativem Abenteurertum und nationalistischem Illusionismus verdrängt wird. Es kam zu „keiner echten und konstruktiven Funktion des Konservativen“. Die wenigen besonnenen Rufer wie Prälat Mausbach, der Staatsrechtler Beyerle, der Arbeiterführer Joseph Joos, Wirth, Nikolaus Ehlen und Ernst Michel setzten sich nicht durch gegenüber bündlerischer Romantik, ständisch-autoritären Aspirationen und großdeutschem Irredentismus. Schlagworte wie „freimaurerisch – jüdische Weltplutokratie“, „Hysteriker und Psychopathen Frankreichs“, „westlerische Formaldemokratie“ und „rassefremde Elemente“ finden sich in angesehensten katholischen Zeitschriften, in den Schriften repräsentativer katholischer Literaten.

Allerdings hat Lutz recht: „Man wird sich. hüten müssen, das Nein zur parlamentarischparteipolitischen Praxis von 1925 oder 1928 kurzschlüssig in ein Ja zu 1933 umzudeuten.“ Die Negation der Republik war artikulierter als jene oft in exklusive Religiosität, mystischen Gemeinschaftskult und ästhetische Romantik gehüllten politischen Zielvorstellungen.

Hier hätte Lutz auf die eigentümliche Rolle des klerikalen Austrofaschismus, auf die Sozialphilosophie Othmar Spanns und das österreichische Experiment des „Quadragesimo – Anno“ – Staates wenigstens kurz hinweisen können. Exemplarisch für jene wenigen katholischen Konservativen, die nicht das „Reich“ mit der civitas Dei verwechselten, ist der leider viel zu wenig bekannte österreichische Kulturphilosoph und Politiker Ernst Karl Winter, der sich vom Monarchisten und Sozialromantiker zum Initiator einer antinazistischen Einheitsfront gegen Hitler zum Anwalt der Demokratie und des Ausgleichs mit dem Sozialismus durchgerungen hat. Winter blieb leider ein Einzelgänger, während sich die Mehrheit seiner Glaubensgenossen „mit der zunehmenden Preisgabe der westlich-demokratischen Kontrollstrukturen und mit der immer stärkeren Betonung der ‚Volksgemeinschaft’ in ein Niemandsland begab, wo es keine Mauer und keinen Graben mehr gab, um dem Angriff des Tyrannen die öffentliche Kraft christlichen Gewissens entgegenzusetzen“.

Das Buch von Lutz ist nicht nur als Vorarbeit zu einem noch wenig diskutierten Thema, sondern vielleicht noch mehr als Anstoß zu einer von Apologetik freien innerkatholischen Selbsterkenntnis beachtlich. Gert-Klaus Kaltenbrunner