Hamburg

Ein mittelmäßiger Don Juan, so mittelmäßig, daß er noch nicht einmal krankhaft ist.“ Auf diesen Schluß läuft möglicherweise das Gutachten des Sachverständigen hinaus, des Privatdozenten, Leiters des Instituts für Sexualforschung an der Universität Hamburg, Dr. Hans Giese. Das fachärztliche Gutachten über den Party-Photographen Wilfried Krüger, angeklagt der Notzucht, Kuppelei und Nötigung, stützt sich auf die Kenntnis der Akten, auf das Ergebnis einer Untersuchung in der Psychiatrischen-, Nerven- und Poliklinik der Universität Hamburg und auf das Resultat einer hirnelektrischen Zusatzuntersuchung.

Was im Kopfe des 1928 geborenen Angeklagten vor sich gegangen ist und vor sich geht, scheint dem Nichtfachmann, der diesen Typ eines durchschnittlichen Angestellten oder Reisenden auf der Anklagebank sieht, kaum rätselhaft. Überraschender als sein Verhalten ist sein Erfolg bei Frauen. Er erklärt sich allein aus dem, was der Vorsitzende „diesen etwas krankhaften Zug der Zeit“ nannte, „wo jeder Publicity will, wo Leute anfangen zu singen, die gar nicht singen können und so weiter“.

Der Angeklagte nannte sich Party-Photograph und Mitarbeiter des „Exklusiv-Bild-Pressedienstes“. Er machte die Frauenbekanntschaften auf der Straße nach diesem Schema: „Meine Dame, Sie sehen sehr gut aus, hätten Sie Lust, für Titelblätter photographiert zu werden oder vielleicht Probeaufnahmen für Filme machen zu lassen?“ Es scheint Krüger niemals passiert zu sein, daß eine der Angesprochenen nicht den Wunsch gehabt hätte, ihr hübsches Gesicht, ihr blondes Haar und ihre anziehende Figur der öffentlichkeit zu präsentieren. Solche Aussichten machten den schlaksigen, alles andere als schönen und photogenen Krüger fast für jede anziehend genug, um mit ihm Lokale und Hotels aufzusuchen oder im Auto ins dunkle Grün zu fahren. Hatte Krüger bei solchen Unternehmungen auch keinen Photoapparat bei sich, wie sollten die Damen nicht glauben können, daß die ersten Stufen zum Ruhm eine gewisse Stimmung brauchen, daß ihr Charme gelockert werden mußte, um desto strahlender auf die Filmrolle zu kommen? Die Zärtlichkeiten ihres Managers in spe waren für viele wohl nicht überraschend, wohl aber der robustere Teil seiner Annäherungen: nach mißglückten Versuchen, aufs Ganze zu gehen – und nicht der Widerstand der Mädchen war dazu meist die Ursache –, pflegte der Angeklagte die Damen zu prügeln, an den Haaren zu reißen und auf manche andere Weise derart zuzurichten, daß sie, jedenfalls für die nächsten Tage, als Modell für Schönheitsphotos nicht mehr geeignet waren.

Das ging ziemlich lange gut – oder schlecht. Bis eines Tages ein Mädchen den Exklusiv-Bild-Pressedienstmann anzeigte, das er abends nach zehn Uhr beim Hauptbahnhof angesprochen hatte, das dann mit ihm bis zum frühen Morgen eine Streiftour über Parkplätze und Schnapsläden bis zu einer stillen Schneise an der Hamburg-Lübecker-Autobahn gemacht hatte. Von den Angeklagten in die Nähe ihrer Wohnung gefahren, hatte sie sich mit Hilfe des Rückspiegels frisch geschminkt, war entschritten und hatte – so der Papa vor Gericht – „sofort alles ganz genau erzählt“.

Alles nun auch dem Gericht zu erzählen, ist für die Zeuginnen recht unangenehm. Hier wird nicht in allgemeinen Umschreibungen gesprochen. Was sich im Dunklen und Versteckten abgespielt hat, läuft als Film unter Zeitlupe und in Großaufnahmen der Details ab. Die Öffentlichkeit ist darum ausgeschlossen.

Die Firma mit dem wohlklingenden Namen wurde nicht von Krüger allein repräsentiert. Einer seiner Mitschaffenden, ein kleiner, flinker, schlauer, dunkler Bursche, mitangeklagt, erscheint im Gerichtssaal wippenden Schrittes und heiter wie ein Büroangestellter am gewohnten Arbeitsplatz. Er hat es leichter. Ebenfalls beschuldigt, braucht er nicht jene Demütigungen einzustecken, die Krüger bei den Vernehmungen fortgesetzt treffen. Patzelt war immer in der Lage, die Chancen voll zu nutzen, die die Mädchen ihm gaben. Seine Methoden waren dementsprechend weniger grob. Er war anfangs Bergmann, hatte aber schon als Schüler den Trieb zu Höherem, nannte sich Graf, schrieb Hörspiele und Gedichte. Daß er einleitend den Frauen zuweilen etwas Lyrik bot, mag besser gefallen haben als das Vorgehen seines Partners, dessen Einleitungen darin bestanden, sich von den Frauen Geld für Schnaps geben zu lassen. Lyrische Rahmenhandlungen entfielen bei Krüger. Und fast immer kam am Ende, was der Vorsitzende „die berühmte Wut“ nennt.