Kriegsromane haben seit jeher viele Liebhaber gefunden. Freilich nicht alle fanden den gleichen Anklang, gerade die besten wurden rasch vergessen oder waren glatte Mißerfolge: etwa „Der spanische Pachthof“ des Engländers Mottram. Remarques „Im Westen nichts Neues“ war ein Bombengeschäft (im wahrsten Sinne des Wortes), Ludwig Renns „Krieg“ ein Achtungserfolg. Der Grund? Das Kulinarische in Remarques Buch peitschte Sinne und Leidenschaften auf. während Reims nüchterner Bericht das Gemüt nicht ansprach. Plieviers „Stalingrad“ ergriff, verständlicherweise, Hunderttausende. Kluges ‚,Schlachtbeschreibung“ wirkt auf die Großzahl der Leser als Abstraktion.

Ich spreche, wohlverstanden, nicht vom eigentlichen Dokumentarbericht, auch nicht von Büchern, bei denen der Krieg lediglich Anlaß zu Kultur- und moralkritischen Glossen bietet, wie etwa im Braven Soldaten Schwejk, oder zu bissiger Satire auf das Zufällige und Unzulängliche der Heeresführung, wie etwa in Joseph Hellers „Iks-Haken“. Solche Bücher, der Schwejk und die beiden ironischen Kriegsromane André Maurois’ haben es bewiesen, können unsterblich, zeitlos werden. Nein, ich meine die ernste Darstellung des Kampfes, gesehen von einem Mitbetroffenen.

In der großen Zahl solcher Bücher, die sich die Verfasser von der Seele schreiben, um mit sich ins reine zu kommen, vielleicht, oder um eine unerträgliche Last loszuwerden, ist ein Spätling erschienen –

Josef W. Janker: „Mit dem Rücken zur Wand“ und andere Erzählungen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 16C S.,10,– DM.

Die acht Geschichten des Bandes: acht Röntgenstudien, Abbild dessen, was in einem Soldaten vorgeht, wenn er vertrackten oder auch schandbar alltäglichen Situationen ausgesetzt ist. Was macht der Krieg aus..ihm, was wird aus dem Menschen überhaupt? (Eine Frage, die uns wieder unheimlich nähergerückt ist.) Erhat alles zu verlieren, und er verliert alles: sein Eigenleben, seinen Stolz, sein Selbstgefühl, seine Erinnerungen, ja, seinen Selbsterhaltungstrieb. Dies, im Predigerton eines eifernden Pazifisten vorgebracht, wäre unerträglich, gewiß. Doch Janker läßt es in acht gleichnishaften Erzählungen vor uns erstehen, die ich für wesentlicher halte als die dauernde „Suche nach dem Ich“. (Interessant wäre zu erfahren, was die Ichsucher mit sich anfangen würden, wenn sie sich, endlich, fänden.)

Diese paradigmatischen Erzählungen, in einer manchmal etwas überzogen kunstvollen Sprache verfaßt, rühren an Fragen, die weit über die modische Egozentrik der sogenannt Jungen hinausgeht. Da ist der Bewußtsejnsverlust, die Unfähigkeit, sich als Person zu fühlen, die Unfreiheit des Gewissens, lauter Dinge, die der Mann im Krieg erleidet. Hinzu kommt der Verlust der Selbstverantwortung, die ihm von seinen Oberen abgenommen wird; seiner Eigenweit, die nicht mehr geduldet wird; seiner seelischen Widerstandskraft, die notgedrungen verkrüppelt.

Janker gehört zu den Menschen, die vom Krieg nicht loskommen können. Er ist ein Gezeichneter, er kann weder vergessen noch verwinden. So wird er zum unbequemen Mahner. Seine Erzählungen sind durchweg Traum- und Erinnerungsbilder aus dem Krieg, die sichtlich jahrelang auf ihm lasteten, sich mit der Zeit verzerrten, verschwammen, andere Konturen aneinerseitsnebelhafter, in einzelnen Zügen jedoch scharfer und deutlicher würden.