U.-W., Frankfurt am Main

Damit hätte man eigentlich rechnen müssen: zum Frankfurter Kongreß der Alkoholgegner zu gehen und sich dennoch zu genieren. Dabei war es ein recht seriöser Kongreß, ein internationaler sogar, mit sechshundert Teilnehmern aus dreißig Ländern, einberufen von der „Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren“. Doch wer davon hörte, lächelte oder – kondolierte: „Herzliches Beileid, und jetzt gar kein Tröpfchen mehr...?“

Da mußte man sich schon als neutraler Beobachter zu erkennen geben. Da mußte man seinen Bekannten schnell versichern, daß man weder Temperenzler noch Guttempler geworden sei. Auch vom Blaukreuz keine Spur. Und was jenen Frauenbund betreffe, der es sich vorgenommen habe, „bessere Tischsitten“ zu schaffen und für die alkoholfreie Kultur zu streiten, so wolle man auch dort nicht Mitglied werden.

Ganze einundsechzig Jahre hatten vergehen müssen, ehe sich die Alkoholgegner, nachdem sie ein einziges Mal in Bremen getagt hatten, wiederum nach Deutschland wagten. Damit sei ein „gewisses Risiko“ verbunden, hieß es anfangs. Denn hierzulande sei die Bekämpfung der Trunksucht weniger populär denn je: „In unserer Gesetzgebung hinken wir anderen Ländern deutlich nach...“

Ob sich wohl die Gegner der Alkoholgegner ihrer Unpopularität sehr sicher waren? Kaum hatten die Kongreßleute die Kopfhörer aufgesetzt und die Finger am Knöpfchen der Simultananlage, da kamen die großen Helden des deutschen Geisteslebens zu Worte, Goethe vor allem und Schiller. Auf Plakaten und in Anzeigen kündeten sie vom bekömmlichen Alkoholgenuß – im „rechten Maß“ natürlich. Diese geschwinde Gegenaktion, so war in den Hörsälen der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu hören, wurde mit Genugtuung registriert: So ernst also nimmt man uns inzwischen.

Denn seit es keine Elendssauferei mehr gibt in westlichen Breiten, statt dessen aber das sogenannte „Wohlstandstrinken“; seit die jungen Leute auf den Geschmack gekommen sind, ein scharfes Schnäpschen in die Jackentasche zu stecken, bevor man tanzen oder auf die Promenade geht; seit auch die Frauen am Zuge sind (von den 300 000 westdeutschen Trunksüchtigen sollen 25 Prozent Frauen sein) – seitdem also kann man auch unter Ärzten und Sozialwissenschaftlern, unter Juristen und Seelendoktoren gegen den Alkoholismus sein, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, „zum Verein“ zu gehören.

So hatten sich auch auf diesem Kongreß die wirklich Enthaltsamen als Enthaltsame bewährt oder sich darauf beschränkt, auf Nebenveranstaltungen einander Hochachtung zu zollen. In den Hörsälen indessen ging es bei den über hundert Referaten allein um wissenschaftliche Erkenntnisse, und der Ton war kühl und sachlich. Da wußte man, woran man war: Der Alkohol sei zum „Hauptvergnügen der heutigen Gesellschaft“ geworden, sagte Professor Weisser, der Kölner Sozialwissenschaftler. Die Sehnsucht nach dem Alkoholrausch sei ein menschliches Bedürfnis, sich wenigstens zeitweilig frei zu fühlen in einer Welt der Verpflichtung, meinte der Psychiater-Professor Zutt aus Frankfurt. Vollständige Abstinenz vor und während des Autofahrens, für Kinder und Jugendliche, forderten Juristen und Mediziner. Von einer „Prohibition“ aber war nicht die Rede.