Den Großangriff der Supermärkte haben erstaunlich viele Tante-Anna-Läden überstanden. Zäh hocken sie in allen Ecken der Vorstädte, jenen zum Trotz, die an den Fortschritt glauben oder statt Bonbons nur Rollmöpse essen. Ihnen muß die Geheimwaffe des Ladens an der Ecke verborgen bleiben: Das Wunder seines Überlebens – daran ist dem treuen Kunden kein Zweifel möglich – steckt in den Bonbongläsern auf der wurmstichigen Theke. Die Mütter können es bezeugen. „Bitte einen Lutscher“, krähen bereits die Zweijährigen und wackeln zielstrebig zum Ladentisch. Und wenn sie selbst groß genug sind, um Besorgungsgänge zu machen, gehen sie wieder dorthin, wo die giftig bunten Geheimnisse in den bunten Bonbongläsern locken.

Der Tante-Anna-Laden macht es ihnen nicht leicht: Denn die Skala der süßen Geheimnisse reicht vom Negerkuß über zwanzig Körner Puffreis für zehn Pfennig bis zur einfachen kölschen „Kamelle“. Hier hat auch die bereits in die Literatur eingegangene Grass-Brause ihren Platz. Sie heißt heute „Ahoi-Brause“. Bunte Lakritzkullern, Schokoladedragees, leicht angeschmutzte gelbe Eidechsen aus Zuckergummi, Gummischnuller, schwarze Lakritzgummibänder, Zuckerstangen, Flugzeuge aus Bakelit, unter deren Rümpfen Bonbons kleben, Pfeifen und Flaschen mit Liebesperlen, Big-Bub-Ballon-Kaugummi mit Micky-Maus-Bildern, Old-Boy-Lakritzzigaretten, bunte Bällchen aus Kokosflocken, Dauerlutscher und Schokoladenrippen und dazu noch acht Gläser voll Bonbons – das alles steht zur Wahl und kostet pro Stück zwischen einem und zwanzig Pfennig.

Die Herrlichkeiten auf der Theke machen auch die frechsten Vorstadtrangen sprachlos. Zaudernd schieben sie die schmutzige Faust auf den Tisch, legen den Groschen hin und flüstern gläubig und mit runden Augen: „Für zehn Pfennig das meiste“ – und sind traurig, wenn aus dem Geld nur ein grüner Gummibär und fünf Lakritzpfennige werden. „Mehr, mehr“, brüllte ein Vierjähriger, dem das zuwenig war. Doch Tante Anna in unserem Laden ist zwar bekannt für ihre Kinderliebe, aber an der Kasse wird ihr weiches Herz hart. Schließlich hatten zwei ihrer Vorgängerinnen den Offenbarungseid geleistet, ehe sie in den Laden zog und mit Bonbons wucherte. „An den Groschen der Kinder verdiene ich das meiste“, sagt sie, „mehr als an Butter oder Zucker.“

Bei dem Besitzer des Büdchens in der nächsten Straße – Zeitschriften, Spirituosen, Zigaretten, Bonbons und Schokolade – macht der Verkauf von Süßigkeiten sogar ein Drittel des Umsatzes aus. Das meiste kaufen die Kinder. Grund zum Jubel? Weit gefehlt. „In meiner Jugend“, sagt der Büdchenbesitzer, „habe ich mir das nicht leisten können. Heutzutage haben die Kinder viel zuviel Geld. Es wird ihnen ja nachgeschmissen ...“

In manchen Straßenbuden gibt es auch noch jene sauren Blümchendrops zu kaufen, mit denen die Machthaber des Dritten Reiches einst Geschmackserziehung trieben. Die Blümchen an beiden Dropsenden wurden nach der Machtübernahme durch Hakenkreuze ersetzt. Anscheinend waren die Nazi-Lutscher aber kein Erfolg. Aus dem Hitler-Emblem wurde schnell wieder ein Blümchen, nachdem ein mutiger Mann das Hakenkreuz auf dem Drops als „nationalen Kitsch“ gebrandmarkt hatte.

Die Bonbons vom Tante-Anna-Laden aus der Vorstand werden in der City zum feinen Konfekt, das für Kinder nicht mehr zu erschwingen ist. Denn das Viertelpfund kostet hier ein bis zwei Mark und ist gerade dekorativ genug, um als Einlage für die uralten Bonbongläser zu dienen, die in Kunstform und über Schweden wieder in die elegante Wohnung eingezogen sind. Und manchmal weiß man nicht mehr, ob man das noch Bonbon nennen darf: Rum-Butter-Toffees, Paranüsse in Butterkaramel oder mit Fondantüberzug. „Das ist Konfekt, das man im Salon in die Schale legt“, sagt die Geschäftsführerin des alten Hamburger Schokoladengeschäfts Paulsen. Zum Verbrauch sind dann die englischen Bonbons schon besser geeignet: Butterbonbons, die auf der Zunge zergehen, mürbe Zitronenbonbons, schwarze Johannisbeerlutscher mit Vitamin C und vor allem – die Whiskybonbons, vor denen sich manche Whiskytrinker schütteln.

Wer Bonbons liebt, sollte sich vor Psychologen hüten, besonders vor denen aus der Freudschen Schule. Sonst macht der Bonbongenuß keinen Spaß mehr. Für diese Gelehrten führt ein gerader Weg vom Babyschnuller über den Dauerlutscher zum Bonbon, den der Erwachsene schamhaft in der Backentasche zergehen läßt. „Ersatzbefriedigung“ ist noch die harmloseste Injurie, die sie dafür gebrauchen. Aber wehe dem Mann, der ihnen in die Finger fällt, weil er vor dem Zubettgehen eine Tüte Bonbons zu zerknacken pflegt: Ihm haben sie nur noch einen Platz auf der Couch des Psychiaters zugedacht. Dabei steht nicht im Lehrbuch der Seelenforscher, daß die wohltätige Industrie eine gewisse Sorte von Fruchtbonbons zum zarten Zerkauen angelegt hat. Die Wiener Fruchtbonbons zum Beispiel warten nur darauf.