„Das Tagebuch einer Kammerzofe“ (Frankreich; Verleih: Fox): Luis Buñuel nähere sich wieder seinem Frühwerk, vermutete man nach seinem letzten Film („Der Würgeengel“). Sein neuestes Werk scheint dies zu bestätigen. 1930 war das Jahr, in dem Buñuel „L‘age d’or“ drehte. Und im gleichen Jahr läßt er auch die Kammerzofe Celestine, die aus Paris kommt, ihren Dienst bei den neuen Herrschaften Rabour-Monteil antreten.

Es ist keine angenehme Gesellschaft, die sie da erwartet. Die Monteils halten auf bürgerliche Etikette, obwohl sich der Nachbar längst spöttisch das Maul verreißt über Madames Frigidität und Monsieurs Eromanie. Der alte Rabour ist aus dem Rennen, nachdem ihn während einer Masturbation der Schlag gerührt hat. Dabei unterscheidet sich dieser, der Reservehauptmann Mauger, von den Monteils nicht. Zuerst angewidert von dieser pervertierten Gesellschaft, wird sich Celestine endlich doch einordnen, da ihr Versuch erfolglos geblieben ist, den Mörder der kleinen Claire, den politischen Fanatiker Joseph, Faktotum des Hauses, zu überführen. Das Indiz, das sie konstruiert hatte, reicht nicht hin, ihn zu verurteilen. Er eröffnet in Cherbourg eine Hafenkneipe, Celestine ehelicht Mauger. Der soziale Aufstieg ist nur gelungen um den Preis der Anpassung.

Eine makabre Geschichte also, angefüllt mit den Ingredienzien Buñuelscher Thematik. Was „L‘age d’or“ und dieser Film gemeinsam haben, ist nicht nur eine Jahreszahl. Der Zwischentitel, der in „L’age d’or“ die Sequenz beschließt, wo Skorpione mit einer Ratte ringen und sich zu Tode kämpfen, zeigt den Blickwinkel, unter dem Buñuel seine Gestalten und ihr Verhalten fixiert. „Einige Stunden zu spät...“

In „L‘age d’or“ klagt Buñuel an, ruft nach der Revolte, nach Revolution, deren sieghaften Ausgang er im Vorhinein in einem amour fou besingt. Das „Tagebuch“ zeigt, was übriggeblieben ist, beweist mit fast dokumentarischer Strenge, warum nichts gelingen kann, wenn man die Rechnung ohne die Gesellschaft macht. Die „tolle Liebe“ ist abgesunken zur grotesken Phrase Monteils, die dieser stets abspult, wenn er ein neues Opfer für seine Triebe sucht. Der Ruf nach Revolte, nach Veränderung hatte Erfolg. Nur wurde das Gegenteil erreicht. Wiederbesinnung steht nicht mehr für Suche nach Ursprünglichkeit, sondern dient als Parole für die Propagierung des Faschismus und seiner Folgen.

Die dialektische Auseinandersetzung mit Politik, Gesellschaft und Religion ist in eine Fülle von Anspielungen, ironischen und parodistischen Effekten eingewebt. Die ganze Bösartigkeit des persönlichen Angriffs erläutert Buñuel in der letzten Sequenz, wo Joseph, der sich patriotisch gibt, der Tradition vorehelicher Keuschheit nachhängt, im selben Atemzug aber ein kleines Mädchen vergewaltigt und mordet, den protestierenden Gruppen sein „Vive Chiappe“ einpeitscht. Chiappe hieß jener Präfekt, der 1930 unter dem Druck rechtsgerichteter Kreise das Aufführungsverbot über „L’age d‘or“ aussprach. W. D.