Die Franzosen halten in diesen Wochen vielfältige Rückschau: auf den Beginn des Ersten Weltkrieges, auf die Befreiung von Paris, auf den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Weniger pathetisch, weniger feierlich, deswegen aber nicht weniger wichtig ist ein anderer Jahrestag: vor einem Jahr verkündete die französische Regierung den Stabilisierungsplan, der die Konjunkturüberhitzung und die inflationäre Entwicklung zum Stillstand bringen sollte. Neben der EWG-Kommission in Brüssel hatte insbesondere die Bundesrepublik auf konjunkturdämpfende Maßnahmen in Frankreich und Italien gedrängt, um die inflationären Infektionsherde innerhalb der EWG, die auch die DM bedrohten, zu beseitigen.

Während Italien heute noch einen verzweifelten Kampf gegen steigende Löhne und Preise kämpft, während die Regierung Moro nicht weiß, ob sie den Verbrauch dämpfen soll, um die Lohn-Preis-Spirale zum Stillstand zu bringen, oder ob sie ihn zur Anregung der Industrieproduktion wieder fördern soll, zeichnet sich in Frankreich ein erfreulicheres Bild ab. Allerdings fehlen auch hier nicht einige trübe Aspekte, und mancher Schaden ist nur notdürftig zugedeckt worden.

Die hektischen Preiserhöhungen, die im Sommer des vergangenen Jahres ihr größtes Ausmaß erreichten, gehören der Vergangenheit an. Die Einzelhandelspreise stiegen von Januar bis Juli nur noch um 0,8 Prozent, während die Steigerung im Vorjahr innerhalb von sieben Monaten noch 2,1 Prozent betrugen. Die Zuwachsrate der Löhne, die sich noch im Vorjahr in der Lohn-Preis-Spirale kräftig mitdrehten, ist auf ein dem wirtschaftlichen Wachstum angepaßtes Maß zurückgeführt worden. Im öffentlichen Bereich stiegen sie um 4 Prozent, im privaten Sektor lag die Zuwachsrate zwischen 7 und 8 Prozent. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Erhöhung um rund 6 Prozent, während die Zunahme vor einem Jahr noch fast 14 Prozent betragen hatte.

Allerdings hat Frankreich einen hohen Preis für diese Erfolge bezahlen müssen. Dieser Kraftakt war nur durch dirigistische Eingriffe möglich. Neben einem rigorosen Lohn- und Preisstopp verfügte die Regierung Pompidou einschneidende Kreditrestriktionen die nicht nur die Unternehmen, sondern auch den einzelnen betrafen So müssen bei Teilzahlungskäufen in Frankreich heute 30 Prozent des Preises angezahlt werden; das ist die höchste Rate in allen westlichen Ländern.

Dort, wo auf Grund internationaler Verpflichtungen dirigistische Steuerungsmaßnahmen nicht angewendet werden können, ist die Stabilisierung bei weitem nicht so geglückt. Da; Außenhandelsdefizit hat sich gegenüber 1963 praktisch verdoppelt. In den ersten 8 Monaten erreichte es immerhin eine Summe von 3,7 Milliarden Francs. Wenn auch in den letzten Monaten das jeweilige Defizit etwas geringer geworden ist, so liegt das vornehmlich an einer Steigerung der Ausfuhren, nicht aber an einer wesentlichen Verminderung der Einfuhren. Hier sind die Angebote aus Ländern, die die Preiserhöhungen des vergangenen Jahres nicht mitgemacht haben, nach wie vor sehr reizvoll. Dagegen sind bestimmte Ausfuhrgüter Frankreichs, wie z. B. Automobile, ins Hintertreffen geraten.

So nimmt es denn nicht wunder, daß die Regierung entgegen ihrer ursprünglichen Ankündigung noch nicht daran denkt, die Stabilisierungsmaßnahmen wieder außer Kraft zu setzen. Im Gegenteil, bei der Verkündung des Haushalts 1965, der zum erstenmal seit 1928 bei Ein- und Ausgaben ausgeglichen abschließt, wurden sogar noch Ergänzungsmaßnahmen angekündigt, die sich vor allem auf das Steuerrecht und die Sparförderung erstrecken. Offensichtlich soll das Investitionsklima wieder verbessert werden, nachdem die Zuwachsrate der Industrieproduktion nach dem Rückgang im „Inflationsjahr“ 1963 auf 5,5 Prozent weiter auf 5,2 Prozent abgesunken ist.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die OECD, hat denn auch in ihrem Jahresbericht der französischen Regierung nicht ihre Anerkennung über die bisherigen Erfolge verhehlt. Sie ist sich allerdings darüber klar, daß diese Erfolge nur mit Mitteln erreicht wurden, die wenig in das Bild einer freien Wirtschaft passen wollen. Unausgesprochen aber teilt die OECD die Bedenken französischer Wirtschaftskreise, die bei einer zu langen Beibehaltung der dirigistischen Maßnahmen eine Aufstauung von Lohn- und Preiserhöhungen befürchten. Eine Lockerung der Zwangsmaßnahmen müsse dadurch mehr und mehr erschwert werden.