Bremen ist über die Bundesbahn empört

–ge, Bremen

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Stadtväter von Bremen und Bremerhaven die Nachricht, die Bundesbahn habe angesichts ihrer chronischen Unterbilanz die Arbeiten zur Elektrifizierung der Strecke zwischen beiden Städten eingestellt. „Wir sind glatt überfahren worden“, hieß es im Bremer Rathaus; der Bremerhavener Oberbürgermeister Bodo Selge sprach gar von einem „Schildbürgerstreich“. Die Beziehungen zwischen den beiden Städten, die zusammengenommen das Land Bremen darstellen, sind im allgemeinen nicht übermäßig herzlich; auf den Affront der Bundesbahn aber reagierten sie wie ein Mann. „Vertragsbruch“, konstatierten die Bremerhavener Stadtverordneten und der Senat – die Landesregierung – schloß sich diesem Urteil an.

Die Empörung ist verständlich, denn für die Wirtschaft Bremerhavens hängt von dem Anschluß an das elektrisch betriebene Streckennetz der Bundesbahn viel ab. Und außerdem: die Hauptverwaltung in Frankfurt hatte sich am 19. Mai 1961 in einem Vertrag mit Bremen, Hamburg und Niedersachsen – er regelt die Elektrifizierung in Norddeutschland und sieht eine Finanzierungshilfe der drei Länder vor – unter anderem bindend verpflichtet, die Bauarbeiten an der Strecke nach Bremerhaven spätestens bis Ende 1965 abzuschließen. Dieser Termin, der eine beträchtliche Beschleunigung des Güter- und Personenverkehrs verheißt, ist nunmehr in Gefahr, weil die Unterbrechung jede auf die ursprüngliche Frist bezogene Planung illusorisch macht.

Zwar bemühte sich die Hauptverwaltung der Bundesbahn sofort, ein wenig Öl auf die Wogen der Empörung zu gießen. Sie ließ erklären, den Kunden an der Unterweser entstünden trotz der Verzögerung keinerlei Nachteile. Aber damit gaben sich weder der Senat noch der Bremerhavener Magistrat zufrieden. Wie vor ihnen die bremische Bundestagsabgeordneten jeglicher politischer Couleur bombardierten auch sie die Bundesbahn mit Fernschreiben, in denen sie auf Vertragserfüllung drängten. Immerhin zahlt Bremen nämlich für die Elektrifizierung der Nord-Süd-Strecke im Laufe von zwölf Jahren 22 Millionen DM als Zuschuß, und die jüngst fällige Rate wurde erst im August überwiesen ...

Selbst Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, mit dem die Verantwortlichen in Bremen, unbeschadet aller politischen Meinungsunterschiede, fachlich „auf gutem Fuß“ stehen, mußte sich fernschriftlich einiges sagen lassen. „Der Bremer Senat betrachtet die Maßnahme der Bundesbahn als eine wesentliche Benachteiligung der deutschen Nordseehäfen, insbesondere Bremens und Bremerhavens, in ihrem Wettbewerb zu den Westhäfen“, drahtete Wirtschaftssenator Karl Eggers. In Bremen hat man nicht vergessen, daß die Verbindungsstrecke vom Rhein nach Rotterdam 1965 voll elektrifiziert sein wird.

Oberbürgermeister Selge hingegen zeigte sich nicht allein über die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen des Bundesbahnbeschlusses schockiert, ihn empörte vor allem die Tatsache, daß der Bremerhavener Magistrat sozusagen beiläufig von einer „untergeordneten Dienststelle“ über den Baustopp unterrichtet worden ist. „Natürlich geschah das viel zu spät, so daß wir eine mit Rücksicht auf das Bundesbahnprojekt bereits teilweise abgetragene Straßenbrücke nur mit Mühe wieder behelfsmäßig passierbar machen konnten.“

Der Bremer Senat ist entschlossen, diesen Strauß mit der Bundesbahn durchzufechten, denn – so sagt man im Rathaus – „es geht hier schließlich darum, ob der Grundsatz von Treu und Glauben auch im Verkehr zwischen staatlichen Institutionen gilt“. Notfalls müsse das gesamte Vertragswerk über die Elektrifizierung der Nord-Süd-Strecke überprüft werden. Ehe das geschieht, soll Senator Eggers aber noch in einem persönlichen Gespräch mit den Chefs der Bundesbahn eine gütliche Lösung herbeizuführen versuchen. Bis dahin steht Bremen Gewehr bei Fuß.