Von Joachim Schwelien

Bei Wahlreden stellt sich William E. Miller, Vizepräsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei Amerikas, gelegentlich auf eine Kiste mit der Aufschrift „Goldwater“. Die Kiste enthält Flaschen mit einem alkoholfreien Sprudel, den der Produzent gegen eine Lizenz nach dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner benennen durfte. Physisch hat Miller diese Erhöhung nicht nötig, denn der schlanke, gutgewachsene Mann mit der ausgeprägten Adlernase ist auf dem Podium unübersehbar, und wäre er das nicht, seine scharfe Polemik wäre auf jeden Fall nicht zu überhören; aber er benötigt „Goldwater“ als Untersatz, um den Amerikanern als politische Figur von Bedeutung sichtbar zu werden.

Millers politische Laufbahn schien vor dem republikanischen Parteikonvent in San Franzisko ihren Ende zuzugehen: Er hatte angekündigt, daß er sich als Rechtsanwalt ins Privatleben zurückziehen wolle – nach siebenmaliger Wahl in das Repräsentantenhaus. 14 Jahre hatte der Abgeordnete aus dem Kreis Niagara im Staat New York auf dem Kapitol Gesetze gemacht. Seine Aussichten, für eine achte Legislaturperiode wiedergewählt zu werden, waren jedoch schlecht; ihm fehlte die Unterstützung des liberalen Gouverneurs Nelson Rockefeller. Den Posten als Parteivorsitzender, als National Chairman der Republikaner, mußte Miller nach den Kandidatennominierungen ebenfalls aufgeben. Da warf ihm Barry Goldwater in San Franzisko die Rettungsleine zu: Miller wurde zum Vizepräsidentschaftskandidaten gekürt.

Goldwater hat sich einen Weggefährten im Wahlkampf ausgesucht, dem außer einem unbedingten Republikanismus, den Miller mit der Strenge eines Politbüromitgliedes praktiziert, und einer agitatorischen Redegewandtheit keine bestechenden politischen Eigenschaften nachgesagt werden können. Miller fehlen, sieht man von der professionellen Versiertheit des Berufspolitikers und einer gewissen Organisationsgabe ab, alle besonderen Merkmale, die ihn für die Wähler attraktiv machen könnten.

Der jetzt 50 Jahre alte Vizepräsidentschaftskandidat – er hat von den Eltern her deutsches und irisches Blut in den Adern – absolvierte das juristische Studium an den Universitäten von Notre Dame und Albany, fungierte als stellvertretender Staatsanwalt in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen (ohne dort irgendwie sichtbar in Erscheinung zu treten), wurde nach dem Krieg Staatsanwalt des Kreises Niagara und 1950 zum erstenmal ins Repräsentantenhaus gewählt. Seine Tätigkeit in dieser Kammer des Kongresses kann als unauffällig bezeichnet werden: Miller entfaltete keine Initiativen, die sich dem Gedächtnis der Nachwelt eingeprägt hätten. Wie Goldwater folgte Miller meist der konservativen Linie, jedoch nicht ganz so streng; er stimmte gegen die obligatorische Krankenversicherung für alte Leute (medicare bill) und andere Sozial- und Bildungsförderungsvorlagen, aber er stimmte, anders als Goldwater, für das Bürgerrechtsgesetz zur Gleichstellung der Farbigen. Seit 1961 war er republikanischer Parteivorsitzender.

Miller ist stets ein ausgesprochener „Parteiloyalist“ gewesen, mit anderen Worten, ein Politiker ohne eigene Ideen. Das macht ihn zum Idol der eingeschworenen republikanischen Parteigänger – um so mehr, da er keine Gelegenheit ausläßt, unbarmherzig auf die Demokraten loszudreschen. Überzeugte Parteigänger stimmen freilich ohnehin für ihre Partei; im Präsidentschaftswahlkampf aber geht es darum, die Schwankenden, die Unentschiedenen zu gewinnen und die Zweifelnden aus der anderen Partei zu sich hinüberzuziehen. Der republikanische Kandidat Goldwater kann nur siegen, wenn ein beträchtlicher Bruchteil potentiell demokratischer Wähler für ihn stimmt. Es ist nicht recht einzusehen, wie Miller ihm dabei eine große Hilfe sein könnte.

Miller ist Katholik und rühmt laut, gegen das Gespann Goldwater–Miller lasse sich kein konfessionelles Vorurteil mobilisieren, da es protestantisch-jüdisch (Goldwater) und katholisch (Miller) sei. Aber das knappe Drittel Katholiken in der amerikanischen Bevölkerung wird davon nicht mitgerissen. Miller kommt aus dem Nordosten, der die gemäßigte Mitte der Republikanischen Partei, das republikanische establishment, stellt. Aber den Scranton, Rockefeller, Keating und sogar wohl Altvater Eisenhower erscheint der demagogische Miller als zu radikal. Goldwater setzt ihn auf die Wählerschaft in den großen Städten und besonders auf die Einwanderer an. Millers charmante Frau Stephanie, die polnischer Abstammung ist, radebrechte in einer Wahlversammlung so rührend-hilflos in der Sprache ihrer Eltern, daß ihr sogleich alle Herzen zuflogen. Diese „Minderheiten“ (Polen, Italiener) sahen die Demokratische Partei bisher als ihre große Beschützerin an; Miller soll sie nun für die Republikaner loseisen. Unterschwellig wird in dieser Kampagne ein Minderwertigkeitskomplex angesprochen: die „Minderheiten“ sollen sich näher an das alteingesessene Amerikanertum der Republikaner herangezogen fühlen, weil sich die Demokraten allzusehr mit dem farbigen Amerikaner und seinen Aspirationen identifiziert haben. Aber Miller schallt kein Massenjubel aus den Städten und den Volksgruppen zu.