Von Johannes Jacobi

Siegfried Lenz, der Erzähler, ist ein erfolgreicher Bühnenautor geworden. Sein Stück „Zeit der Schuldlosen“ wurde seit zwei Jahren an zwanzig deutschen und dreizehn ausländischen Bühnen aufgeführt.

Lenzens zweites Stück spinnt thematisch das erste weiter. Es wurde an derselben Stelle, im Hamburger „Deutschen Schauspielhaus“, uraufgeführt. Im Gegensatz zu dem als Höripiel konzipierten ersten Stück von Anfang an für die Bühne bestimmt, gibt sich „Das Gesicht“ als Komödie.

Ort der Handlung ist abermals ein Diktaturstaat. Da er als Modell gedacht wird, fehlt eine genaue Lokalisierung. Wiederum steht an der Spitze ein „Präsident“, dessen Macht vollkommen, dessen Willkür unbegrenzt ist. Er kann sich sogar den Luxus persönlicher Kultur und weiche Stellen im Gemüt leisten. In seinem Amtszimmer beschäftigt er sich mit einer Sammlung von Edelsteinen.

Des Präsidenten gefährlichster, auf den Sturz des Gewaltregimes hinarbeitender Gegner ist sein Sohn. Ihm gegenüber möchte der Vater seine probaten Mittel nicht anwenden. Also beschließt er, eine Weile zu verschwinden. Mit der Widerstandsgruppe fertig zu werden, soll ein Stellvertreter versuchen.

So wird Bruno Deutz berufen. Er ist Friseur und sieht dem Präsidenten zum Verwechseln ähnlich. Kein Mensch bemerkt einen Unterschied, als Bruno den Diktator erstmals bei der Abnahme einer Parade vertritt. Dann wird bei einem fingierten Attentat scheinbar der Präsident erschossen. Alle, auch die Mutter des Präsidenten, auch die Ehefrau Deutz, sehen nun in dem Friseur Bruno den wahren Präsidenten.

Die Charakterentfaltung, die jetzt einsetzt, bildet den Kern von Lenzens „moral-politischer Parabel“. Bruno Deutz war ein unscheinbarer Normalbürger, ein Dutzendmensch, der „die Fühler einzog und sich totstellte“, wenn’s irgendwo gefährlich wurde. Zwar hatte er sich auch einmal an einer Widerstandsgruppe beteiligt. Aber das ist lange her.