Auf dem Gelände der ehemaligen Borgvard- Werke in Bremen Sebaldsbrück geht es drunter und drüber. Mieten und Löhne werden nicht bezahlt, Arbeiter ausgesperrt, Maschinen beschlagnahmt. Verwickelt sind in dieses Dutcheinander die mexikanische Automobilgeselhchaft Impulsora Mexicana Automotriz S A, ihre Tochtergesellschaft Bremer Automobil GmbH die Rheinstahl Hanomag AG, die sich auf einem Teil des Geländes angesiedelt hat, und die Industriegewerkschaft Metall, die sich um die Rechte ihrer Mitglieder sorgt.

Das hoffnungsvolle Unterfangen, die BorgwardAutomobilproduktion in Mexiko wieder auferstehen zu lassen, ist in eine verfahrene Situation geraten. Während in Mexiko Kreditschwierigkeiten den Aufbau des Werks der Impulsora Mexicana Automotriz S A verzögerten, sind jetzt die noch in Bremen lagernden Teile der Fertigiingsanlagen unter Arrest gestellt und die siebenundfünfzig Arbeiter und Angestellten der Bremer Automobil GmbH von ihren Arbeitsstätten ausgesperrt worden.

Es klang zuerst wie das Märchen vom Eornröschen: Nachdem das schöne Kind eingeschlafen war, erschien ein Prinz aus fernem Land; er verhieß Auferweckung und neues Leben. Aber dabei blieb es auch, jahrelang, und das Happy End des Märchens ist bei weitem noch nicht abzusehen. Im Gegenteil, heute ist schon von einer neuen Borgward Pleite in Bremen die Rede.

Man erinnert sich: 1961 meldete der größte private Autoproduzent der Bundesrepublik, die Carl F. W. Borgward GmbH, Konkurs an. In den Werkshallen in Bremen Sebaldsbrück standen die Fließbänder still, nachdem sie seit 1954 mehr als 200 000 Wagen vom Typ "Isabella" hatten abrollen lassen. Das letzte fertiggestellte Fahrzeug bekränzten die Arbeiter und dekorierten es mit einem Schild: "Du warst zu gut für diese Welt!" Die Werksanlagen gingen in anderen Besitz über, die Rheinstahl Hanomag AG, Hannover, etablierte sich in einem Teil des Geländes Sie stellte die Halle I als Sammelplatz für die Fertigungsmaschinen zur Verfügung "Isabella" lag tot in der Rumpelkammer.

Da plötzlich, 1962, kam der Prinz in Gestalt des deutschblütigen Kaufmanns Enrique Strauss aus Mexiko City. Er wies sich als Bevollmächtigter einer Firma mit dem klangvollen Namen Impulsora Mexicana Automotriz aus und entwarf großartige Zukunftspläne. In Monterrey, dem mexikanischen Industriezentrum, tausend Kilometer nördlich der Landeshauptstadt, wolle man eine landeseigene Automobilproduktion aufbauen; die Fertigungsanlagen der Borgward"Isabella" und ihres größeren Bruders, des 2 3Liter Typs "P 100", seien genau das, was man suche "Isabella" sollte in der mexikanischen Wüste zu neuem Leben erwachen. Senor Strauss sprach von 15 000 bis 20 000 Fahrzeugen pro Jahr. Er sprach auch von mexikanischen Automobilexportabsichten nach Europa; Bremen sei der günstigste Standort für ein Montagewerk. Die Impulsora, hinter der eine mexikanische Industrie- und Finanzgruppe steht, war eigens für den Kauf und Betrieb der Borgwardanlagen gegründet worden. Ihr Aktienkapital beträgt immerhin 250 Millionen Peso (80 Millionen Mark). Mit Borgward Konkursverwalter Dr. Lange wurde Strauss bald einig. Mitte 1962 unterzeichnete man den Kaufvertrag. Wie es heißt, sollen damals 14 Millionen Mark als Gegenwert für Maschinen und Werkzeuge in die Konkursmasse geflossen sein. Für den Fall, daß Mexiko die Importlizenz für die Einfuhr der Maschinen verweigern sollte, war ein Rücktrittsrecht vom Kaufvertrag eingeräumt worden. Die Verweigerung einer Einfuhrgenehmigung hatte früher bei der Borgward Tochter Goliath Werke GmbH den Verkauf der Produktionsanlagen nach Argentinien scheitern lassen.

Die Einfuhrlizenz erwies sich jedoch als die unkomplizierteste Klippe. Im August 1962 erließ die Regierung in Mexiko ein Gesetz, das der Impulsora auf den Leib geschneidert schien: vom 1. September 1964 an dürfen nur noch solche Automobilwerke in Mexiko arbeiten, die mindestens 60 Prozent der verwendeten Teile im Inland herstellen. Damit war den in Mexiko bereits bestehenden ausländischen Montagewerken die Arbeit erschwert, der Aufbau einer nationalen Produktion dagegen begünstigt worden. Die Einfuhrlizenz für die ehemaligen BorgwardMaschinen ließ denn auch nicht lange auf sich warten.

Die Impulsora ging den beschrittenen Weg weiter, wenigstens in Bremen. Daß im fernen Mexiko längst noch nicht alles zum Besten bestellt war, kam erst viel später ans Tageslicht. Ende November 1962 wurde eine mexikanische Tochter mit dem biederen deutschen Namen Bremer Automobil GmbH ins Handelsregister der Hansestadt eingetragen. Ihr Stammkapital beträgt 20 000 DM. Geschäftsführer sind Enrique Strauss und der Ingenieur Jose Montez aus Madrid. Als Dritter im Bunde kam später Ralf Emil Salomon hinzu. Diese Tochtergesellschaft sollte nicht nur den Oberseetransport der Fabrikationsanlagen abwickeln, sondern auch ehemalige Borgward Facharbeiter, die mit den Maschinen vertraut waren, nach Mexiko vermitteln. Die Mexikaner boten großzügige Bezahlung. Mit der IG Metall, die sich als Vertragspartner einschaltete, wurden folgende Bedingungen ausgehandelt: Lohn nach den Tarifen, die im Lande Bremen gelten, dazu die Kosten für Hin- und Rückreise, selbst bei vorzeitiger Auflösung des Arbeitsvertrages durch den Arbeitgeber, für Unterkunft, Verpflegung und Instandhaltung der Wäsche, eine Aufwandsentschädigung von 50 Mark, eine Trennungsentschädigung, die Fahrkosten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz und Behandlungskosten im Krankheitsfall, nicht zu vergessen die Kosten für die Tauglichkeitsprüfung und die notwendige Schutzimpfung. Wem die mexikanische Küche nicht schmecken sollte, der kann sich selbst sein Kotelett braten und bekommt dafür die Verpflegungskosten bar auf den Tisch gelegt. Und falls es zu Meinungsverschiedenheiten kommt: Gerichtsstand ist Bremen.