Washington im September

Vom Düsenflugzeug stieg Senator Barry Goldwater diese Woche auf die Eisenbahn um – zu einer Whistlestop-Tournee, die eine zwar altertümliche, aber noch immer beliebte Form ist, den amerikanischen Wähler auf dem flachen Land anzusprechen. Vorbild ist die Kampagne, die Harry Truman 1948 gegen den scheinbar unbesiegbaren Republikaner Dewey mit Hunderten von kurzen Aufenthalten auf Bahnhöfen kleiner Städte und Gemeinden führte, mit gepfefferten Ansprachen und saftigem, messerscharfem Witz und dem Motto „Gib ihm Saures!“ Er gewann damals wider alle Erwartungen.

Goldwater liegt im Rennen gegen Johnson noch um Meilen weiter zurück als seinerzeit Truman hinter Dewey. Ob ihm der Rückgriff auf den volkstümlichen Wahlkampfstil viel nützen wird, ist daher zweifelhaft. Der konservative republikanische Kandidat hat auf seiner ersten Rundreise im Süden zwar große Menschenmassen angezogen; aber in den USA gilt die Faustregel, daß Versammlungsbesuche überhaupt keinen Aufschluß auf die Stimmenabgabe zulassen. Die Meinungsforscher geben Johnson so gut wie ausnahmslos einen Vorsprung von 2:1. Ein großer Teil der sonst überwiegend republikanisch eingestellten amerikanischen Provinzpresse ist zu dem demokratischen Kandidaten umgeschwenkt. Das gleiche taten viele prominente Geschäftsleute, die vor vier Jahren noch bedingungslos hinter Eisenhower und Richard Nixon gestanden hatten.

Seit Jahrzehnten hat kaum ein Präsidentschaftskandidat so schlecht im Rennen gelegen wie Barry Goldwater. In seinem Braintrust im Washingtoner Wahlhauptquartier zeigen sich auch schon erste Zeichen der Resignation. Er selbst allerdings bleibt unerschüttert und ist davon überzeugt, daß alle Auguren unrecht haben. Es werde sich in der Endphase des Wahlkampfes schon noch zeigen, so meint er, daß Johnson zu schlagen sei.

Goldwater konzentriert sich mehr und mehr auf die innenpolitischen Streitfragen. Der Vorwurf, die Demokraten seien zu weich gegenüber den Kommunisten und vernachlässigten die Wehrpolitik, haben beim großen Publikum nicht recht verfangen. Ebensowenig zündet seine Parole von der „Politik der Stärke“. So hat er die „states’ rights“, die föderalen Rechte der Einzelstaaten, in seinen Schutz genommen – was auf eine kaum verbrämte Umschreibung für die Rassentrennung hinausläuft. So zielen seine schärfsten Attacken gegen den Obersten Bundesgerichtshof, der mit seiner Rechtsprechung in den vergangenen zehn Jahren die Rassenintegration förderte und mit den Grundsatzurteilen über die Neueinteilung der Wahlkreise die Vorherrschaft der konservativen ländlichen Minderheiten über die städtischen Mehrheiten in den Parlamenten brechen will. „Zurück zu den guten alten Zeiten“, ist der Tenor seines Wahlkampfes; wie viele Widersprüche ihm dabei auch nachgewiesen werden. So wären die Einzelstaaten ohne die Straßenbauprogramme, die Sozialfürsorge und die Schulbeihilfen der Bundesregierung gar nicht existenzfähig; sein eigener Heimatstaat Arizona erhält jährlich eine Milliarde Dollar aus der Bundeskasse. Im übrigen nimmt sich Goldwater die „Skandale in Washington“ unter der demokratischen Administration zu seiner Zielscheibe, weil er die persönliche Kritik an seinem Gegner Johnson für das wirkungsvollste Element zur Belebung des Wahlkampfes hält.

Johnson indessen ist Goldwater bisher bewußt ausgewichen; er hat den Namen des republikanischen Rivalen noch in keiner Rede genannt; er will Goldwater sein Pulver verschießen und ins Leere taumeln lassen. Schon hat der Senator auch mehrfach daneben getroffen – beispielsweise, als er den ermordeten Präsidenten Kennedy bezichtigte, er habe die Kubakrise vom Herbst 1962 zeitlich so gesteuert, daß sie den Demokraten bei den Kongreßwahlen Auftrieb gab. Johnsons Bekanntgaben über die Entwicklung einer Antisatellitenwaffe und neuartiger Radargeräte entwertete die Kritik des Republikaners, die Demokraten vernachlässigten die Landesverteidigung. Goldwaters sonderbarer Aphorismus von den „kleinen konventionellen Atomwaffen“, die den Feldkommandeuren anvertraut werden sollten, gab dem Präsidenten die Chance, den Widersacher mit dem Makel der Verantwortungslosigkeit und Bedenkenlosigkeit zu belegen.

Die Ausweichtaktik Johnsons hat Barry Goldwater nun veranlaßt, ihn offen zu einem Fernsehduell herauszufordern. Johnson wird diese Herausforderung kaum annehmen, denn er ist vor der Kamera ein schwacher Debattierer. Aber auch er geht in dreißig Staaten aufs Land, um dem Wähler „ins Auge zu sehen“. So reden die beiden Hauptkandidaten aneinander vorbei. Ein zentrales Wahlkampfthema hat sich noch nicht herausgeschält. So scharf der Wahlkampf im Ton ist, so wenig wirkliche Substanz ist bisher sichtbar geworden. Die Entscheidung fällt in den letzten drei Wochen. Wenn keine außergewöhnlichen Situationen eintreten, ist sie freilich schon zugunsten Johnsons besiegelt. Joachim Schwelien