London, im September

’They ‘ re off!“ verkündeten die Londoner Abendblätter in Balkenlettern. Der Ruf ertönt sonst vieltausendstimmig beim Start eines Pferderennens, aber die Schlagzeile bezog sich diesmal auf die Nachricht, daß die Königin die Auflösung des Unterhauses ausgesprochen hätte und die Parlamentswahlen – wie seit Wochen erwartet – am 15. Oktober stattfinden würden. Der Startschuß für die 1700 Kandidaten war abgefeuert.

Die Wahlprogramme der Parteien enthalten keine Überraschungen, ideologische Argumente sind fast völlig daraus verschwunden. Das gilt für die Tories, denen die „staatliche Planung“ kein rotes Tuch mehr ist, vor allem jedoch für die Labour Party, die noch 1959 einige verrostete marxistische Parolen aus ihrem Waffenarsenal hervorgeholt hatte. Unter dem Eindruck des konservativen Wahlsiegs erklärte damals Douglas Jay, der Adjutant Gaitskells: „Wir laufen Gefahr, unseren Kampf im Namen einer Klasse zu führen, die nicht mehr existiert.“

Harold Wilson, der zu jener Zeit noch mit der Linken kokettierte, hat sich die Warnung zu Herzen genommen. Man kann nicht daran rütteln: für Arbeiterfamilien, die Besitzer von elektrischen Waschmaschinen, Fernsehgeräten, Autos und Industrieaktien sind, haben Klassenkampfparolen alle Anziehungskraft verloren. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel, ehemals das Herzstück jedes sozialistischen Programms, ist beinahe völlig in der Versenkung verschwunden, nachdem sich bereits vor fünf Jahren gezeigt hatte, daß man damit keine Katze, geschweige denn einen englischen Wähler, hinterm Ofen hervorlocken kann. Von den 10 000 Worten des Labourmanifests werden kaum hundert dieser leidigen Frage gewidmet: Die von den Tories „ent-nationalisierte“ Eisen- und Stahlindustrie soll wieder verstaatlicht werden und daneben auch die Wasserversorgung, die sich kurioserweise noch zum Teil in privaten Händen befindet.

Die wichtigste Losung des Labour-Programms lautet: Modernisierung! An die Stelle der rebellischen Aufrufe der alten Sozialisten ist die gemessene Sprache der Technologen getreten. Den Unternehmern wird nicht mehr vorgeworfen, daß sie die Arbeiter ausbeuten; sie werden attackiert, weil die Leistungsfähigkeit der britischen Betriebe nicht genügend gestiegen ist. „Wir müssen – erstens – unsere Industrie mit neuer Energie laden und modernisieren, um die anhaltende wirtschaftliche Expansion zu erzielen, die wir brauchen. Wir müssen– zweitens – dafür sorgen, daß ein ausreichender Teil des so geschaffenen neuen Reichtums dazu verwendet wird, dringende und jetzt vernachlässigte menschliche Bedürfnisse zu befriedigen.“

Die Labour Party hat natürlich triftige Gründe, die Wählerschaft zu überzeugen, daß sie keine Partei von Computer-Stürmern ist. Deswegen kann sich auch ihre enge Verbindung mit den Gewerkschaften, die ihre Massenbasis und finanzielle Grundlage bilden, in diesem Wahlkampf als eine ernste Belastung erweisen. Gewiß bezweifelt niemand, daß die Trade Unions nach wie vor eine große Aufgabe zu erfüllen haben. Aber das Bild, das sie heute präsentieren, ist verdrießlich: restriktive Praktiken, Ablehnung nützlicher Neuerungen, kleinliche Eifersüchteleien zwischen winzigen Gewerkschaften, wilde Streiks, die, von kommunistischen Agitatoren ausgelöst, wohl zumeist nur kleine Gruppen umfassen, aber unter Umständen ganze Industriezweige lahmlegen. Kein Wunder: die Gewerkschaften sind unpopulär geworden. Selbst unter den Arbeitern.

Was die Sozialisten können, das bringen die Konservativen ebenfalls zustande. Auch sie haben das Wort „Modernisierung“ groß auf ihr Banner geschrieben. „Das Leitmotiv unseres Parteiprogramms“, sagt Sir Alec Douglas-Home in den einleitenden Worten des Tory-Manifests, ist die Modernisierung Englands auf Grund von Maßnahmen, die sich in unserer Erfahrung als erfolgreich erwiesen haben.“ Aber während sich die Labour Party darauf beschränken muß, das Zukunftsbild einer technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaft mit sozialem Gewissen heraufzubeschwören, vermag die Regierung, auf vergangenes Erfolge hinzuweisen: Produktionszuwachs in der Industrie (aber eine geringere Steigerung als in Japan, Deutschland und Frankreich), jährlicher Bau von durchschnittlich 300 000 Wohneinheiten (aber die weiter bestehende Wohnungsnot und das Emporschnellen der Häuserpreise bilden noch immer die Achillesferse der Tories), Vollbeschäftigung. Die Zukunft soll natürlich noch rosiger aussehen, wobei – wie vorsorglich erklärt wird – die Ausgaben sich im Rahmen der vorgesehenen vierprozentigen Produktionssteigerung halten sollen. Im Gegensatz hierzu – so betonte Douglas-Home geschickt – sage die Labour Party nichts über die Kosten ihres Programms. „Es ist eine Speisekarte ohne Preise“, erklärte er. Der Hieb saß.