Die Banken klagen darüber, daß die Kundschaft – obwohl noch reichlich über Anlagemittel verfügend – gegenwärtig kaum bereit ist, im nennenswerten Umfang Aktien zu erwerben. Die täglichen Börsenumsätze sind in der Tat auf lächerlich geringe Beträge geschrumpft. Sie gehen in der Regel auf das Konto des sogenannten Berufshandels und der „institutionellen“ Anleger, also vornehmlich der Investmentfonds und Versicherungsgesellschaften. Die Banken selbst halten sich zurück, obwohl sie – wenn man ihre eigenen Börsenberichte studiert – nahezu übereinstimmend davon überzeugt sind, daß die gegenwärtigen Kurse „anlagewürdig“ sind. Dazu die Dresdner Bank: „Es erscheint uns richtig, an Zukäufe zu denken. Wir meinen, daß sich die Börse, wenn es auch immer Schwankungen geben wird, in den kommenden Monaten im allgemeinen auf der von den günstigen wirtschaftlichen Erwartungen vorgezeichneten Linie bewegen dürfte!“

Die Dresdner Bank deutete in ihrem Börsenbericht auch die Ursache an, warum die Banken selbst in der zurückliegenden Zeit mit eigenen Aktienkäufen auf der Stelle getreten haben. Sie weist unter anderem auf den großen Steuertermin hin, der dem Wirtschaftskreislauf vorübergehend etwa 10 Milliarden DM entzogen hat. Ein solcher Liquiditätsentzug beeinträchtigt naturgemäß die Dispositionsbereitschaft sowohl des Publikums als auch der Banken. Ob die Banken aber überhaupt noch in diesem Jahr stärker Aktien kaufen werden, ist schwer vorauszusagen. Die letzten Monate eines Jahres erfordern eine erhöhte Liquiditätsbereitschaft und engen dadurch die Bewegungsfreiheit der Institute auf dem Wertpapiermarkt ein.

Außerdem: In den nächsten Wochen sollen für rund eine Milliarde DM öffentliche Anleihen aufgelegt werden. Die Aufnahmebereitschaft ist keineswegs so groß, daß die Placierung eines solchen Betrages ohne Schwierigkeiten vor sich gehen würde. Immer noch schwimmt Material aus den letzten Emissionen im Markt. Der Bund tut nichts, um den Instituten ihre Aufgabe zu erleichtern. Seine Hauptsorge besteht darin, daß ausländische Kreise sich von den neuen deutschen Emissionen fernhalten. Deshalb scheint die Ankündigung, Regierung und Bundestag werden sich demnächst wieder mit der 25prozentigen Kapitalertragsteuer auf den Rentenbesitz „Gebietsfremder“ befassen, nicht ganz zufällig vor dem Zeichnungsangebot für die neue Bundesanleihe erfolgt zu sein. Es begann sich nämlich allmählich die Meinung durchzusetzen, daß in Bonn im Grunde niemand mehr ernsthaft an die Einführung dieser unpopulären und auch umstrittenen Steuer denkt. Tatsächlich ist ihre rasche Einführung kaum zu erwarten und sicherlich nicht in der zunächst vorgeschlagenen Form. Zur Zeit finden Expertengespräche statt, wobei recht deutlich wurde, daß es Bundestagsabgeordnete gibt, die wenig Neigung besitzen, diesem Gesetzentwurf ohne weiteres zuzustimmen. Sie verweisen darauf, daß sich die Zahlungsbilanzprobleme auch ohne die Steuer entspannt haben.

Gelegentlich wird Kritik an der Haltung der Banken geübt, die ihrer Kundschaft mehr oder weniger nachdrücklich zum Aktienkauf raten, aber selbst nicht „mit gutem Beispiel“ vorangehen. Dazu ist zu sagen, daß manche Banken ihre Bestände schon erhöht haben und daß sie jetzt ihre Aufmerksamkeit dem Kreditgeschäft zuwenden müssen. Das erfordert die Bereitstellung flüssiger Mittel, die natürlich dem Effektenhandel nicht zur Verfügung stehen.

Die Effektenabteilungen geben sich große Mühe, um die Kundschaft aus ihrer Reserve herauszulocken. Aber der Erfolg bleibt bescheiden. Die Deutsche Bank hofft auf die in den nächsten Wochen zu erwartenden Meldungen aus einzelnen Gesellschaften, „von denen wieder stärkere Anregungen ausgehen dürften“. Aber mit bloßen Meldungen ist es heute nicht mehr getan. Die Anleger wollen genau unterrichtet werden. Dazu das Bankhaus Münchmeyer & Co, Hamburg: „Die Angaben über die Umsatz- und Auftragsentwicklung werden zwar von der Kundschaft mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen, aber gleichzeitig wird bedauert, daß Mitteilungen hinsichtlich Ertragsentwicklung und -aussichten über allgemeine Angaben auch dann nicht hinausgehen, wenn der größte Teil des laufenden Geschäftsjahres bereits übersehbar ist. In diesem Punkt sind die Aktionärsbriefe deutscher Gesellschaften, auch jener, die sonst eine vorbildliche Publizität pflegen, noch unzureichend.“

Ohne Zweifel würde die Anlageberatung erleichtert werden, wenn die Gesellschaften künftig – amerikanischen und holländischen Beispielen folgend – auch Zwischenergebnisse über die Erträge publizierten. Noch besser wäre es, wenn zumindest die großen Gesellschaften künftig Interimsdividenden ausschütten würden. Das Argument, man hätte so etwas noch nie gemacht, scheint nicht unbedingt stichhaltig zu sein. Angesichts des im kommenden Jahr noch steigenden Kapitalbedarfs der Unternehmen kommt es darauf an, die Bindung zwischen Gesellschaft und Aktionär enger als bisher zu gestalten. Sie darf nicht auf die jährliche Hauptversammlung und auf ein paar Aktionärsbriefe beschränkt bleiben.

Die Großbanken verzichten sogar auf jegliche Zwischenberichterstattung und weisen, wenn sie danach gefragt werden, auf ihre Zweimonatsbilanzen hin, mit denen der Normalaktionär jedoch wenig anzufangen weiß, zumal sie über die Ertragsentwicklung nichts aussagen. Weil das so ist, haben die Banken, die doch überall in den Aufsichtsräten vertreten sind, mit ihren Rufen nach mehr Publizität nur eine geringe Durchschlagskraft.