Fünf Jahre später als Zypern ist am Montag auch die britische Kronkolonie Malta unabhängig geworden und als 19. Staat dem Commonwealth beigetreten. Womöglich wird die Insel in fünf Jahren ebenso ein Unruheherd sein wie heutzutage Zypern. Der erste Tag der Unabhängigkeit war wenig verheißungsvoll. In den Jubel der Malteser mischten sich die schrillen Pfiffe der Hafenarbeiter, die den Herzog von Edinburgh mit Steinwürfen und mit Kriegsdrohungen (siehe Bild) empfingen.

Zwei Lager auf der Insel (320 000 Einwohner) stehen einander unversöhnt gegenüber: die prowestliche Nationalistenpartei des Ministerpräsidenten Borg Olivier, die von der Kirche gestützt wird, und die neutralistischeLabour-ParteiDcw Mintoffs, über die von der Kirche ein Interdikt verhängt wurde.

Olivier hat die Unabhängigkeit mit einer britischen Finanzhilfe von 51 Millionen Pfund erkauft und dafür den Engländern für die nächsten zehn Jahre Stützpunktrechte eingeräumt. Die Insel lebt seit Jahrzehnten vom Militär. Da sie weder Industrie noch Landwirtschaft hat, brauchen die Bewohner finanzielle Zuwendungen, um Industrie anzusiedeln, den Tourismus zu fördern und die Auswanderung zu begünstigen.

Labour-Chef Mintoff empfindet die Bedingungen der Unabhängigkeit als „Rückschritt und Demütigung“. Sein Programm lautet: Abzug der Briten, Anschluß an die Gruppe der blockfreien Nationen und Wirtschaftshilfe aus dem Osten ebenso wie aus dem Westen.

Mintoffs Handikap ist der Kulturkampf mit dem maltesischen Klerus. Er könnte seine 50 000 Anhänger, die zugleich treue Söhne der Kirche sind, leicht verlieren, wenn sein neutralistischer Kurs die Stützpunkteinnahmen und damit den hohen Lebensstandard aufs Spiel setzt. Darum darf er sich außen- und innenpolitisch nie zu weit vorwagen. Er mag hoffen, daß seinem Erzfeind, dem 80jährigen Erzbischof Gonzi, ein reformfreudiger Kirchenfürst folgt, der den Geist Papst Johannes XXIII. auch nach Malta einläßt.

Die Privilegien der Kirche sind ein Relikt aus der Zeit vor Napoleon, als Malta noch dem Johanniter-Orden gehörte. Niemals war Malta selbständig. Die Insel war nacheinander eine Beute der Phönizier, von denen die Malteser abstammen, der Karthager, Römer, Wandalen, Ostgoten, Byzantiner, Normannen, Araber und sizilianischer Herren. 1530 wurde Malta dem Johanniter-Orden geschenkt, 1798 eroberte Napoleon die Insel, und zwei Jahre später hißten Soldaten des Royal-Sussex-Regiments den Union Jack. Am Sonntag holte ein Soldat desselben Regiments das britische Banner wieder ein.