Nacht und Nebel lasen über dem Golf von Tongking. Nebulos waren auch die Berichte über den neuen Zwischenfall in den Gewässern vor der Küste Nordvietnams. Nach Washingtoner Darstellung haben am Freitag voriger Woche zwei US-Zerstörer vier nichtidentifizierte Schiffe auf den Radarschirmen als „feindlich“ ausgemacht und durch Feuer zur Umkehr gezwungen. Daraufhin meldete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS, die Amerikaner hättendrei von fünf „unbekannten“ Schiffen versenkt.

Es blieb ein Rätsel, von wem die Sowjets ihr Wissen bezogen hatten. Die Amerikaner wußten nämlich nicht, ob sie überhaupt ein Schiff getroffen hatten. Und von Nordvietnam konnten es die Sowjets auch nicht erfahren haben, denn Hanoi hatte sofort dementiert: Unsere Schnellboote haben feine US-Zerstörer angegriffen und sind auch nicht angegriffen worden. Aber man habe von der Küste aus das Mündungsfeuer gesehen und Explosionen gehört.

Auf wen haben die Amerikaner geschossen? War es eine Mystifikation auf den Radarschirmen? Oder wurde der wahre Sachverhalt verschwiegen? „Größere Offenheit gegenüber dem amerikanischen Volk und der Welt ist am Plätze“, mokierte sich die „New York Times“ über das Pentagon, da: den Zwischenfall 28 Stunden lang geheimhielt. Goldwater höhnte, Verteidigungsminister McNamara müsse wohl erst einen Luftpostbrief von der 7. Flotte abwarten.

Vielleicht beschloß Präsident Johnson aus Rücksicht auf seinen Rivalen Goldwater, diesmal von einem Vergeltungsschlag gegen Häfen in Nordvietnam abzusehen. Zwar waren die „Provokationen“ ähnlich wie im August, aber, so hieß es amtlich, diesmal sei weder die Angriffsabsicht noch der Angreifer selber klar nachzuweisen.

Goldwater hatte nach den beiden Seegefechten im August der Regierung vorgeworfen, daß sie die Krisen in Vietnam aus politischen Gründen hochspiele. Schon jene Gefechte waren sehr mysteriös. Es blieb aber der Verdacht, die angegriffenen US-Zerstörer hätten südvietnamesische Kommandounternehmen abgedeckt.

Fragen bleiben auch jetzt genug: Was bezwecken die Patrouillenfahrten im Golf von Tonking, einer Art „Privatsee“ der Chinesen und Nordvietnamesen, die für sich die 12-Meilen-Zone beanspruchen. Sollen die US-Zerstörer südvietnamesi-Guerillas bei Landungenhelfen, den Nachschub für die Vietcong kontrollieren oder einfach nur das Sternenbanner zeigen? Der chinesischen und der mit ihr konkurrierenden sowjetischen Propaganda öffnet sich ein weites Feld.