Von Heinz Josef Herbort

Hamburgische Staatsoper 1964. Das letzte Mal gerieten die Gemüter in Parkett und Foyer in Wallung bei der Uraufführung von Kreneks Oper „Der goldene Bock“. Damals opponierte man im Publikum, „Verballhornung der Antike und ihres Mythos“, so hieß es, „surreales Konglomerat von Historie und Gegenwart“. Und überhaupt diese Zwölftonmusik! Die Experten neigten eher zum anderen Pol, zeigten sich weniger schockiert als enthusiasmiert, „beeindruckt“. Es lohnt sich ins Gedächtnis zurückzurufen, daß seitdem erst ganze drei Monate vergingen.

In der vergangenen Woche waren die Reaktionen seitenverkehrt. Bei der Uraufführung von Gottfried von Einems Oper „Der Zerrissene“ fühlten sich eher die Experten provoziert. Natürlich waren sie weitaus in der Minderzahl, und die jetzt so zahlreich Jubelnden standen vorher in der anderen Linie. Kreneks Oper erschien während der Tage zeitgenössischen Musiktheaters, wo innerhalb von vierzehn Tagen zu zeigen war, was „dem traditionellen Repertoire-Theater an Pflege des zeitgenössischen Schaffens etwa möglich ist“ (Liebermann). Einems „Der Zerrissene“ hätte eigentlich schon damals dazu gehört: als das Beispiel zum anderen Ende hin sozusagen, und wiederum wäre der Ambitus gezeigt worden, das Ausmaß der Möglichkeiten.

Die Diskussion, wie eine Oper zu schreiben sei, hat man doch noch unlängst begraben wollen. Nun ist sie unversehens wieder auf die Tagesordnung geraten. Doch dürfte der neue Diskussionsbeitrag keine lange Debatte erbringen. All die Fragen nach „Surrealismus“ auf der Bühne, nach Wort und Ton, das Dilemma des Librettos und der Inszene will Einem partout nicht vom Tisch lassen, indem er – fast sieht es nach Vogel Straußens Manier aus – einen unvermuteten Griff riskierte: er schrieb eine Oper in der Väter Weise.

Entsetzen bei der Avantgarde, der der Mund offen blieb, oder auch ein heimlich wissendes Augenzwinkern.

Wie immer beginnt auch hier das Gespräch beim Libretto. Zum drittenmal ist es das Ergebnis der Zusammenarbeit von Einems mit seinem Lehrer und Freund Boris Blacher. Nach Büchner und Kafka wurde jetzt Johann Nepomuk Nestroy „eingerichtet“, der Vielschichtige, der Aristophanes des Biedermeier. Da ist kräftig mit dem Stift gearbeitet worden, gestrafft würde man sagen, und die Zwei-Akt-Fassung des französischen Originals, aus dem Nestroy sein Thema geschöpft hat, ist wiedergewonnen. Zwischen Dialekt und Hochsprache blieb dieser Text in der Schwebe. Posse, eine realistische Komödie mit zunächst nicht sehr anspruchsvoller Story.

Hinter dieser romantischen Fassade lauert mehr – aber nicht mehr alles. Nestroy hat zwar seinen Witz behalten, seine gelegentlich sogar boshafte Satire. Auch die hinter der Hand vorgebrachte Gesellschaftskritik, der Spott, der abschätzende Blick auf die Umwelt, die Skepsis, das Desillusionierende sind geblieben, versteckt, doch auffindbar: Das Komische hat doppelten Boden.