Von René Drommert

Woyzeck und Schwejk, dumpf der eine, pfiffig der andere, beide Strandgut eines rücksichtslosen Schicksals, haben 1961, vom deutschen Publikum bisher unbemerkt, einen Bruder oder Halbbruder bekommen. Auch er, der Held des Films „Il posto“ (Der Job) von Ermanno Olmi, hat keine Möglichkeit, sein Lebensgesetz gegen eine andersartige, befremdliche und oft feindliche Umwelt zu behaupten.

Domenico Cantoni heißt das Bürschchen, ist Sohn einer Arbeiterfamilie in der norditalienischen Provinz Brianza und bricht eines Tages, von den ängstlichen Segenswünschen seiner Eltern begleitet, nach Mailand auf, um sich im Personalbüro eines großen Industriebetriebes vorzustellen. Er erhofft einen Posten, und vielleicht, o, wer weiß, ist’s sogar ein Posten fürs ganze Leben. Dann wäre ihm ja der Aufstieg aus der Arbeiterklasse ins Kleinbürgertum geglückt.

Er muß mit vielen anderen Bewerbern eine mehrteilige Prüfung ablegen, löst eine groteskeinfache Rechenaufgabe, für die alle Prüflinge fünfzehn Minuten bekommen, obwohl die Lösung in einer Minute zu finden ist, er muß einen Test über sich ergehen lassen, der in psychotechnischem Firlefanz besteht, und arriviert.

Das heißt, der erhoffte Posten ist’s noch nicht, er wird zunächst Laufbursche, bekommt eine Uniform und sitzt mit einem freundlichen älteren Kollegen in einem Vorraum, wartet, bis ihn ein Klingelzeichen in Bewegung setzt. Gehetzt wird er nicht, obwohl der Ältere gerade behauptet, hier herrsche eine Krankheit, die Hetze, „die müßten alle nur mal an die frische Luft“. Domenico und sein Nachbar bringen ein abgezirkelt Maß Wurschtigkeit auf: Das ist so etwas wie die moderne, ausgehöhlte Spielform von Gemüt...

Dann, eines Tages, kommt plötzlich das große Glück, Domenico zieht doch noch ins ersehnte Büro ein, bekommt den Schreibtisch eines eben verstorbenen Angestellten (der Angestellte hatte einen Roman geschrieben: das ist doch nicht normal, sagte seine Wirtin). Aber halt, diesen Schreibtisch muß er sofort wieder räumen, auf ihn hat ein anderer einen größeren Anspruch: Schon zwanzig Jahre wartet er auf den helleren Arbeitsplatz. Domenico räumt ohne jedes Aufmucken seine sieben Sachen wieder fort und nimmt hinten in der äußersten Ecke Platz. Sein sozialer Aufstieg ist zwar geglückt, aber keine Stufe auf der mühseligen Leiter kann übersprungen werden.

Mehr passiert im Film eigentlich nicht – bis auf ein paar Kleinigkeiten. Schon während der Prüfung hat Domenico zögernd einen Flirt mit einer anderen Bewerberin begonnen, aber dieser Flirt ist auch nicht recht gediehen, die Freundin ist in eine andere Abteilung gekommen, bei den Mittagsmahlzeiten in der Werkskantine gehört sie zu einer anderen Schicht. Sie sehen einander also nicht, Überlegungen werden nicht angestellt, Anstrengungen nicht gemacht, wie man die Schwierigkeiten überwinden könnte – die junge Liebe versickert im Sande.