Beobachtungen und Bemerkungen anläßlich der Frankfurter Buchmesse

Von Petra Kipphoff, Rudolf Walter Leonhardt und Dieter E. Zimmer

Als die Engländer in diesem Jahr eine eigene „Welt-Buchmesse“ in London machten, zitterte zwar niemand um die Frankfurter Buchmesse: Aber einige fürchteten wohl doch, daß das Londoner Unternehmen dem Frankfurter schaden könnte, so sehr es sich davon auch nach Art und Absicht unterscheiden mag. Keiner dürfte vorhergesehen haben, was tatsächlich geschah: Auf der Buchmesse in Frankfurt waren in diesem Jahr mehr englische Verleger als je zuvor.

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Was macht Frankfurt ticken? – wie die Engländer fragen würden. Konventioneller gefragt: Worauf ist es zurückzuführen, daß diese Buchmesse in Frankfurt so erfolgreich ist? daß immer mehr Verleger aus immer mehr Ländern immer mehr Bücher vorstellen? daß so viele, die gegen Ende der Messe immer vernehmlicher „nie wieder“ grummeln, im flachsten Jahr so zuverlässig wie der Herbst selber wieder da sind? Ein Narr kann mehr fragen, als... Man kennt das. Hier die Antworten, nicht von tausend Weisen, nur von ein paar Stammgästen in Frankfurt. Ein Verleger: „Nirgendwo sonst kann ich so vielen Interessierten zeigen, was ich im letzten Jahr gemacht habe.“ Ein Agent: „Während einer Woche in Frankfurt mache ich mehr Geschäfte als während der übrigen 51 Wochen des Jahres.“ Ein Autor: „Mein Verleger meint, ich müßte mich meinen Lesern, vor allem aber auch den Buchhändlern zeigen; indem ich es tue, erscheine ich mir selber als Masochist.“ Ein Journalist: „Ich treffe hier in Frankfurt alle die Leute zusammen, die ich sonst jeden für sich aufsuchen müßte – in München und in Hamburg, in Berlin und in Köln, in Stuttgart und in Hannover.“ Ein Buchhändler: „Ich überprüfe hier meine Bestellungen für das Weihnachtsgeschäft, gerade noch rechtzeitig, um sie, wo notwendig, zu korrigieren.“ Ein kommerziell uninteressierter Besucher: „Ich liebe die Menschen nicht, in solchen Massen schon gar nicht. Vom Hintergrund dieses unfreundlichen Pauschalurteils heben sich die Besucher der Buchmesse angenehm ab.“

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Was auch immer als Grund zum alljährlich wiederholten Besuch der Buchmesse angegeben wird: Es träfe genauso zu, wenn die Buchmesse in München oder in Hamburg stattfände. Warum gerade Frankfurt? Der Vorschlag, jedes Jahr eine andere deutsche Stadt als Ort der Buchmesse zu wählen, ist ja von Lokalpatrioten im Norden wie im Süden oft genug gemacht worden. Die Stimmen der Vernunft waren stärker. Für Frankfurt spricht, daß es so genau wie nur eben möglich in der Mitte nicht nur der Bundesrepublik Deutschland liegt, sondern auch der europäischen Literaturzentren, von Paris bis Warschau, von Rom bis Stockholm. Für Frankfurt spricht die allmählich Form gewordene, nicht mühelos austauschbare Tradition; was ja beispielsweise auch heißt: man weiß, wen man wo findet, was im Foyer des Hessischen Hofes besprochen wird und was in einer Suite des Savigny Hotels, wen man am ehesten im Frankfurter Hof trifft und wen im Intercontinental – von Jimmys Bar, wo sich nach Mitternacht „alles“ trifft, nicht zu reden ... Und selbst, was gegen Frankfurt spricht – die Schwierigkeit etwa, eines der im Interesse der Interessenten nur sparsam zugelassenen Taxis zu bekommen und sich, wenn man endlich eins hat, mit diesem durch die von Baustellen zerrissene, von Autos verstopfte City vorwärtszubewegen – spricht nicht nur gegen Frankfurt. Für Frankfurt sprechen natürlich auch Goethe und Generalintendant Harry Buckwitz und die Frankfurter Verlage von S. Fischer bis zu Suhrkamp (sowie die Partys gerade dieser beiden). Aber für Frankfurt spricht am unwiderlegbarsten falls der Superlativ erlaubt ist) wohl doch, daß es keine andere Stadt gibt, für die mehr spräche.