Es ist eine unheimliche Sache. Bisher war man gewohnt, daß die mechanische Reproduktion nicht mehr ist als ein Anhaltspunkt, daß sie nur eine mehr oder weniger ungefähre Vorstellung von dem echten Werk vermittelt. Die Distanz zvischen Original und Reproduktion blieb gewahrt. Das; was Walter Benjamin in einem prophetischen Essay seine „Aura“ nannte – seine Einzigartigkeit, seine Geschichte –, wurde nicht wirklich angetastet. Jetzt, mit einem Mal, scheint sie aufgehoben. Wer darin einen Akt der Pietätlosigkeit sieht, müßte die Konsequenz aufbringen, die Reproduktion des Einmaligen überhaupt zu verwerfen. Denn der jetzt erreichte Grad der Perfektion war in der Idee der Reproduktion von Anfang an beschlossen; es wurden nur, über die Jahrhunderte hinweg, die technischen Hindernisse beseitigt, die ihm im Wege standen. Der Prozeß ist unaufhaltsam und irreversibel.

Angesichts dessen, was auf diesem Stand 883 der Frankfurter Buchmesse gezeigt wurde, wird das Verhältnis zu den Werken der bildenden Kunst neu zu durchdenken sein. Neue Museen werden möglich. Das Bild hat seine Einmaligkeit verloren.

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In Deutschlands demokratischstem und deprimierendstem Gebäude wurde der Friedenspreis des Buchhandels verliehen an Gabriel Marcel, den, wie es in der Urkunde heißt, „Begründer eher Philosophie der Begegnung und Hoffnung ... den Schriftsteller, der in seinem reichen literarischen Werk in gleicher Weise aus den Quellen französischen wie deutschen Geistes schöpft und einer dauerhaften freunschaft zwischen beiden Völkern dient“. Angesichts eines so integren Mannes, und enthusiastischen Christen wie Marcel fällt es glücklicherweise schwer, von einer Politisierung dieses Preises zu sprechen. Dennoch war die Erinnerung an den Preisträger von 1963, an Weizsäckers präzise Formulierung der „Bedingungen des Friedens“, noch zu deutlich, als daß man nicht unwillkürlich Vergleiche angestellt und sich nach dem Sinn des Friedenspreises gefragt hätte. Die Laudatio von Carlo Schmid ließ diese Frage leider nur noch auffälliger werden. Die deutsch-französische Freundschaft als ein privater Auch-Friede, das mag zur Not noch angehen. Wenn man aber zur Würdigung des Preisträgers sich nicht nur ins perfekte Heideggersch flüchten, sondern auch noch, um den rechten Kontrast zu bekommen, Tadel an Bloch und Sartre verteilen muß, dann fragt sich der Zuhörer, wie dieser Friedenspreis und der deutsche Buchhandel eigentlich zusammenpassen. Das Geschäft macht man mit „Fanny Hill“, den „Mondwinden“, gesprochen wird von dem neuen Frisch, Mary McCarthy, Gisela Elsner, Adorno, Schelsky. Vielleicht auch den Seh-Texten. Aber am Sonntag, da kann man die heile Welt beschwören, vom Mysterium des Seins reden, die Hoffnung gegen das „Prinzip Hoffnung“ ausspielen. Das alles will nicht mehr so recht zusammenpassen.

Der erste und der letzte Eindruck von der Frankfurter Buchmesse ist doch: Bestürzung, Bestürzung nicht etwa, weil da ein ideelles Gut merkantilen Transaktionen unterworfen wird – so vornehm sind wir nicht mehr. Bestürzung vielmehr angesichts der Unzahl der Bücher. Sechsundzwanzigtausend Neuerscheinungen aus der Bundesrepublik allein; selbst wer von morgens bis abends läse, brauchte, grob überschlagen, zweihundert Jahre, um da hindurchzukommen. Und doch hätte er dann erst einen kleinen Ausschnitt aus dem Angebot dieser einen Buchmesse gelesen – denn achtunddreißig andere Länder stellten ebenfalls aus, und zwar mehr denn je.

Sind das abwegige Rechenexempel? Sie drängen sich auf, und sie sind geeignet, Panik hervorzurufen. Nicht nur, was allein schon Grund genug wäre, daß sich Vergangenes immerfort akkumuliert und die Halde dessen, was gelesen werden will, stetig wächst: Sie wächst auch immer rascher. Ganze Bevölkerungen noch werden, wenn sie den Analphabetismus überwunden haben, in die Literatur eintreten; und die Erdbevölkerung nimmt ständig zu, in geometrischer Progression – gegenwärtig um etwa sechzig Millionen jährlich. Entsprechend mehr wird Tag für Tag geschrieben und gedruckt werden. Da aber die Lesekapazität des einzelnen nicht wächst, wird er notwendig nur einen immer kleineren Ausschnitt zur Kenntnis nehmen können. Es ist eine paradoxe Situation: Je weiter der Horizont der ganzen Menschheit wird, desto winziger wird der Teil dessen, was der einzelne davon wahrnehmen kann; je mehr des Mitteilenswerten und Mitteilbaren es gibt, desto horrender werden auch Dilettantismus und Spezialistentum. Zwangsläufig – und nicht etwa aus Bequemlichkeit, wie uns die Schulmeister einreden möchten.

Das aber wird das einzelne Buch schließlich in eine ganz neue Lage – und in immer größere Bedrängnis bringen. Der Verschleiß wird zunehmen. Immer weniger Werke werden sich auf die Nachwelt verlassen können. Immer weniger werden auch nur die Saison überleben können. Immer mehr werden sie abhängig werden von den Gerüchten und Meinungen, die über sie verbreitet werden. Immer größer wird der Abstand zwischen den Büchern, die sich durchsetzen können oder die (möglicherweise mit allen Tricks und Kniffen einer finanzkräftigen Werbeindustrie) durchgesetzt werden. Immer geringer wird die Möglichkeit einer Kontrolle; immer geringer die Aussicht, daß ein falsches Urteil eines Tages widerrufen wird. Das ersehnte Zeitalter der Weltliteratur, das Zeitalter, das allen alles zugänglich macht, wird auch die Zeit der wachsenden Ratlosigkeit des Lesers, der wachsenden Verwirrung, der wachsenden Ungerechtigkeit gegenüber dem Geschriebenen sein – und die große Zeit der Demagogen, der staatlichen oder industrieeigenen Verbreiter von vorschnellen, klischeehaften Urteilen.