AdF, Rom, im September

Während die 2500 Konzilsväter sich Anfang voriger Woche zur ersten Arbeitssitzung in St. Peter versammelten, um über das vorletzte Kapitel des Schemas „über die Kirche“ zu diskutieren, gab das vatikanische Pressebüro die Nachricht frei, daß der Heilige Stuhl nach langen... und diskreten Verhandlungen mit dem kommunistischen Regime in Ungarn ein Teil-Agreement vereinbarte, das der katholischen Kirche einige, ihr bisher verweigerten Rechte wieder einräumt. Wie sieht das Abkommen von der römischen Warte gesehen aus?

Den Ausdruck „Abkommen“ hat der vatikanische Delegationsführer Monsignore Agostino Casaroli vom Staatssekretariat in einer Erklärung an den „Osservatore Romano“, der vatikanischen Zeitung, allerdings zurückgewiesen. Zum ersten Male hat, so heißt es in vatikanischen Kreisen, ein Land des Ostblocks den Weg einer Regelung seiner Beziehungen zum Heiligen Stuhl beschritten. Der Fall könnte Auswirkungen auch auf andere kommunistische Länder haben. Denn es ist eine Vereinbarung, die als erster wichtiger Schritt zur Änderung der Lage der katholischen Kirche in Ländern angesehen wird, in denen das religiöse Leben erstickt zu werden drohte.

In der Folge des im ungarischen Außenministerium unterzeichneten Agreements sind in Ungarn fünf neue Bischöfe ernannt worden. Außerdem wurde der als konformistisch geltende Monsignore Endre Hamvas zum Erzbischof von Kalocsa befördert – zur Enttäuschung von Kardinal Mindszenty, dessen Fall nach wie vor ungelöst bleibt und der sich einen anderen Nachfolger im Vorsitz des ungarischen Episkopats gewünscht hätte. Aber diesen Preis sowie den der Vereidigung der neuen Bischöfe auf Ungarns kommunistische Verfassung, die von der italienischen Linkspresse sofort als ein Akt der Anerkennung der kommunistischen Prinzipien bezeichnet wurde, mußte der Vatikan zahlen. Und wenig nützt es, wenn Monsignore Casaroli erklärte, daß die Vereidigung in Gegenwart des ungarischen Staatschefs keine Anerkennung der materialistischen Theorien des Kadar-Regimes und der in ihm herrschenden Unfreiheit bedeute.

Inzwischen macht das Konzil schnellere Fortschritte, als man erwartet hatte. Der vom Papst gebilligte Plan des Kardinalcr/.bischofs von München, Döpfner, sieht ein straffes konziliares Reglement vor. Die Wortmeldungen mit der Angabe des Inhalts der beabsichtigten Ansprache müssen jetzt fünf – statt wie früher drei – Tage vorher den Moderatoren des Konzils eingereicht werden, um diesen Zeit zu lassen, Überschneidungen auszuschalten und die Konzilsväter, die das gleiche Argument vortragen möchten, zu veranlassen, sich auf einen Redner zu einigen. Diese Regelung gilt auch für Kardinäle, die früher jederzeit das Wort ergreifen durften.

Nicht zuletzt dank dieser Beschränkungen hat das Plenum des Konzils bereits alle während der zweiten Sitzungsperiode nicht behandelten Kapitel des Schemas „Über die Kirche“ durchdiskutiert und sich sogleich dem Schema „Über die Bischöfe“ zugewandt. In den folgenden Tagen stehen andere höchst wichtige Abstimmungen auf der Tagesordnung: nämlich das dritte Kapitel des Schemas „Über die Kirche“, das den hierarchischen Aufbau der Kirche und vor allem die Stellung des Episkopates in ihr, sowie dessen Anspruch betreffen, gemeinsam mit dem Papst die Kirche zu regieren. Es wird über jeden Paragraphen abgestimmt, insgesamt vierzigmal.

„Das Konzil muß die Gestalt und die Sendung der Hirten zur Kirche bestimmen; es muß das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Episkopat umschreiben“, so hatte der Papst in seiner Ansprache zur Eröffnung der dritten Sitzungsperiode gesagt.