Prag, im September

Der erste Eindruck in Prag: Noch nie habe ich so viel Menschen, sei es am frühen Morgen, sei es am späten Abend, über die Bürgersteige der Hauptstraßen wandern sehen. Man meint ständig, gerade sei ein Fußballspiel zu Ende gegangen, und nun ströme alles wieder heim.

Die erste Antwort, die ich bekam: „Ja, Sie können Westzeitungen kaufen, gleich rechts um die Ecke, aber natürlich nur fortschrittliche.“ Ein paar Tage lang kaufte ich also L’Humanité, Frankreichs fortschrittliche KP-Zeitung. Dann ließ ich es bleiben, weil sich der Zeitaufwand als sinnlos erwies. Ich weiß jetzt also weder, was in den letzten acht Tagen in Vietnam oder Zypern passiert ist, noch, ob das Berliner Passierscheinabkommen zustande kam oder wie die Umfragen für Johnson und Goldwater stehen. Aber das, was hier vor sich geht, ist ohnehin aufregend genug.

Was vor sich geht? Die große, grundsätzliche, vielleicht die entscheidende Debatte über die zweite Phase der Entstalinisierung den Wirtschafts-Revisionismus.

Erinnern wir uns zunächst, was sich bisher in der Tschechoslowakei ereignet hat. Im Dezember 1962, beim XII. Parteikongreß, wurde zum ersten Male in der bis dahin so konformistischen CSSR Opposition laut. Die Führung der KP sah sich genötigt zu versprechen, daß die politischen Prozesse der Stalin-Ära und der folgenden Jahre überprüft würden. Und von da an ging es Schlag auf Schlag.

Im März 1963, bald nach dem Rücktritt des Präsidenten des Obersten Gerichtes, der im Slansky-Prozeß als Hauptankläger aufgetreten war, forderte das slowakische Parteiorgan Prawda die öffentliche Rehabilitierung der Opfer des Personenkults. Und nun zeigte sich, daß – wie auch anderwärts – in der CSSR zwei Dinge hatten zusammenkommen müssen, um eine Initialzündung hervorzubringen. In diesem Fall war es einmal eine nationale Frage, nämlich die Beschwerde der Slowakei, zu kurz gekommen zu sein, und zum anderen – wie sich eigentlich erst jetzt herausstellt – die katastrophale wirtschaftliche Lage der CSSR, die es der Führung nicht erlaubte, nach altem Brauch hart zurückzuschlagen.

Heute werden widerspenstige Intellektuelle aus der Partei exkommuniziert, wie in diesem Sommer der junge Philosoph Ivan Svitak, der seinen Lehrstuhl schon vor längerer Zeit verloren hatte, aber niemand wird mehr wegen politischer Häresie eingesperrt; und während die Wirtschaft früher ebenfalls durch Drohungen und mit Terror in Gang gehalten wurde, muß heute darüber nachgedacht werden, was man für ökonomische Anreize bieten kann, um eine höhere Arbeitsproduktivität und bessere Qualität der Produktion zu erzielen. Doch ehe wir zum Thema „wirtschaftliche Anreize“ kommen, also zu den Erscheinungsformen des wirtschaftlichen Revisionismus, rasch ein paar Worte zum Ablauf des so entscheidenden Jahres 1963.