H. B., Rom, im September

Auch nach dem christlich-demokratischen Parteikongreß in Rom bleibt die Politik der Democrazia Cristiana ein Buch mit sieben Siegeln. Bis zum letzten Tag des Kongresses befleißigten sich die Notabeln der Partei in ihren Reden einer gesuchten Wolkigkeit. Nur die Resultate der Abstimmungen sprachen eine deutliche Sprache. Sie brachten eine Enttäuschung für die bisherige Mehrheitsfraktion der „Moro-Dorotheer“ des Parteisekretärs Mariano Rumor, des Regierungschefs Aldo Moro und des Wortführers des gemäßigt konservativen Zentrums, des Schatzministers Emilio Colombo. Trotz eines neueingeführten Proporzsystems verloren sie die Mehrheit.

Im neuen Nationalrat – der erweiterte Ausschuß der DC – sind die „Moro-Dorotheer“ mit 71‚ Fanfani mit 33, der linke Flügel der Gewerkschafter und der „Basis“ mit 30 und Scelbas Rechtsopposition mit 17 Mitgliedern vertreten. Rumor und Moro müssen also Verbündete suchen, um über eine Mehrheit zu verfügen. Die Entscheidung darüber wird Ende November im Nationalrat fallen, wenn die führenden Posten besetzt werden.

Wenn es auch zutrifft, daß fast neun Zehntel der Delegierten für die Fortsetzung der „Linksöffnung“, für das Bündnis mit den Nenni-Sozialisten eintreten, so läßt es sich doch nicht verheimlichen, daß die Anschauungen über diese Politik weit auseinandergehen. Nicht einmal Scelba ist grundsätzlich dagegen. Er stellt nur die Bedingung, daß die Sozialisten alle noch bestehenden Verbindungen mit den Kommunisten lösen. Der Linksflügel hingegen würde sogar die Zusammenarbeit mit den Kommunisten hinnehmen. Dazwischen gibt es viele Nuancen.

Das Dilemma besteht vor allem darin, daß Moro nun wählen muß, ob er lieber auf Fanfani oder auf den linken Flügel setzen soll. Die Rede des Ex-Ministerpräsidenten war ein Meisterstück doppelzüngiger Rhetorik. Von den einen wird sie als ein Angriff von links, von den anderen als ein Angriff von rechts auf die Regierung Moro kommentiert. Nur soviel ist sicher, daß Fanfani seinem Parteifreund die Schlappe, die er bei der vorletzten Regierungskrise erlitten hat, mit Vergnügen heimzahlen würde. Die Möglichkeit dazu besteht: Denn nicht einmal die Gruppe der Moro-Dorotheer ist geschlossen. Unter den Nationalratsmitgliedern sind nur 16 Anhänger des Ministerpräsidenten. Es wäre also ein leichtes, ihn zu Fall zu bringen.

Amintore Fanfani, der in allen Kombinationen der Mehrheitsbildung die Rolle des Jokers spielen möchte, strebt nach dem Präsidentenamt. In seiner Kronrede verschonte er die Kommunisten mit jeglicher Kritik. Das war ein kluger Schachzug. Denn, wo der Staatspräsident gewählt wird, sind auch die Kommunisten dabei. Auch Gronchi wurde mit Hilfe der Kommunisten gegen den Willen der DC gewählt. Die kommunistische „Unità“ ist daher auch das einzige Blatt, das Fanfanis Rede wohlwollend kommentierte. Der sozialistische „Avanti!“ blieb zurückhaltend, während die demokratischen Linksparteien, die Republikaner und Sozialdemokraten, ihn scharf kritisierten.

In der Partei aber hat Fanfani wenig Chancen. Die „Dorotheer“ werden trotz allem an Moro festhalten und ein Bündnis mit dem linken Flügel vorziehen. Es enthält immer noch weniger Risiken, als ein Handel mit Fanfani. Giuseppe Saragat drohte bereits an, wenn die Linke aus der DC-Direktion ausgeschlossen bliebe, würde das die Auflösung der Koalition bedeuten. Eine ähnliche Warnung kam von den Republikanern.

Es gäbe freilich theoretisch noch eine dritte Möglichkeit: daß sich die katholische Massenpartei Italiens in einer enormen Kraftanstrengung zusammenrafft und zu einer Zusammenarbeit aller Gruppen in der Parteiführung findet. Das freilich hieße, die „Democrazia Cristiana“ überfordern.