William S. Schlamm: „Wer ist Jude? Ein Selbstgespräch.“ Seewald Verlag, Stuttgart; 236 Seiten, 16,80 DM.

Gerade in den Tagen, da der Ruf nach geistiger Erneuerung von vielen Seiten immer lauter ergeht, da Kirchen, Parteien, Staatsmänner der östlichen wie der westlichen Welt erkannt haben, daß die Menschen, gleich welcher Hautfarbe, Religion und Weltanschauung, zueinanderfinden müssen, soll der Menschheit eine Katastrophe bisher nicht gekannten Ausmaßes erspart bleiben, wäre es möglicherweise auch angebracht, die Frage auf die Tagesordnung zu bringen: Was es mit der von der Bibel verheißenen „Auserwähltheit“ des Judentums auf sich hat. Möglicherweise! Denn nur schwer wird für das unsachliche, unromantische Denken der Gegenwart, eine Antwort zu finden sein auf diese Frage, die in der Mystik ihren Ursprung hat.

Da kommt nun dieses Buch von Schlamm heraus. Gibt es Antwort? Aufklärung? Dient es der Verständigung oder dem Haß?

Die Frage dieses „Selbstgesprächs“: „Wer ist Jude?“ füllt 236 Buchseiten, wäre jedoch mit etwa acht Worten des Talmuds zu beantworten: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt. Der Monologler Schlamm benötigt mehr als 55 000 Wörter und stopft in seine Thematik einen umfangreichen Fragenkomplex – der letzthin sein Freudscher Komplex ist – hinein und von Haß und Verleumdung getragene Behauptungen, die von antisemitischer Seite kann besser aufgestellt werden könnten.

Da ist die Frage des „Andersseins“ „der“ Juden – die bereits die Nationalsozialisten wie auch ihre mehr oder minder berüchtigten Vorläufer gestellt haben und auf infame Weise beantworteten. „Der“ Juden Eigenart, die wohl in: Religiösen, aber keinesfalls im Biologischen existiert, ist doch nichts anderes als die Eigenart jedes Individuums. Niemand dürfte gezwungen werden, sie zu verleugnen, weil keinem Menschen das Recht abgesprochen werden darf, der zu sein, der er ist und der er sein will. Diese Freiheit ist auch in den Verfassungen aller demokratischen Staaten unmißverständlich verbürgt.

Schlamm versucht dem Leser klarzumachen, daß jeder, auf den – seiner absurden Theorie zufolge – die Bezeichnung „jüdische Hast“, „jüdische Intelligenz“, „jüdische Frechheit“ und dergleichen nur aus Vorurteilen schlimmster Art entspringende Vorstellungen zuträfe, „als Jude“ gelte. „Wer sie hat, gilt als jüdisch – was immer auch seine leiblichen Großmütter gewesen sein mögen.“ (S. 27) Er läßt außer acht, daß auch Menschen anderer Religionen, Gruppen, Minderheiten, Völker und Nationen – als was immer man „die“ Juden bezeichnen möge – ebenso „hastig“, „intelligent“ und „frech“ sind wie diese. Man sieht hier schon, daß Schlamm sein Gedankenkarussell auf einem Platz flüchtigen Sandes errichtet hat, auf nicht ausgegorene, nicht zu Ende gedachte Ideen.

Ebensowenig findet sich Schlamm in religiösen Fragen zurecht. Er redet daher von einem Gott und meint, daß Jesus Christus den Juden geboren, so gewiß ihr eigenartiger Gott (sic!) war, wie er von ihnen zunächst verneint werden mußte“ (S. 9). Die Gegenfrage: Wem ist Jesus Christus Gott? Er läßt den Leser wissen, was er meint, da er behauptet, „die“ Juden könnten vor der „Bekehrung“ nicht fliehen, der Bekehrung, die er immer wieder empfiehlt. Durch sein ganzes „Selbstgespräch“ zieht sich die Empfehlung zur Taufe. So heißt es auf der Buchklappe, um Schlamms Thesen zu verdeutlichen – auch: „Die Juden können sich endlich frei entscheiden, ob sie ihrer Nation oder ihrer Umwelt angehören wollen.“