Von Hanns A. Hammelmann

Als Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal sich im Jahre 1925 für die Veröffentlichung ihres Briefwechsels entschieden, war die fast fünfundzwanzigjährige Zusammenarbeit zwischen Komponist und Dichter noch nicht abgeschlossen.

Von den sechs großen Opern, die wir ihr verdanken, waren erst vier vollendet; das schriftliche Werkstattgespräch über die „Ägyptische Helena“, das sich über fast fünf Jahre hinzog, war noch in vollem Gange, ohne allerdings diesmal jene innere Übereinstimmung von Wort und Ton zu erzielen, die die Grundlage für den überwältigenden Erfolg des „Rosenkavalier“ gebildet hatte und sich später noch einmal, in letzter Minute, bei „Arabella“ einstellen sollte.

Wohl unter dem Eindruck der scharfen Kritiken, denen damals sein Anteil besonders an „Ariadne“ und „Frau ohne Schatten“ ausgesetzt war, bezeichnete Hofmannsthal als den „Beweggrund“ für die Veröffentlichung: „Es sollte einerseits der Ernst unserer gemeinsamen Arbeit in Evidenz gebracht werden, andererseits das noch fehlende Verständnis für manche Arbeit durch den zwanglosen Kommentar, den unsere Briefe geben, herbeigeführt werden.“ Daraus ergab sich, daß der Öffentlichkeit nur eine Auswahl von Briefen aus der Zeit 1908–1918, mit weitgehenden Streichungen und Überarbeitungen, zugänglich gemacht wurde. „Selbstverständlich“, antwortete Strauss, „muß alles aus den Briefen heraus, was der Dummheit und Böswilligkeit Waffen in die Hand und Stoff zu neuen Mißverständnissen bieten könnte.“

Ein Vierteljahrhundert später, als Dr. Franz Strauß und seine Frau an die Vorbereitung einer Neuausgabe herantraten, war die Lage völlig verändert. Beide Künstler waren tot; die „Kinder“ hingegen (wie Hofmannsthal es gern ausdrückte), die dieser nicht unbeschwerten musischen Ehe entsprossen waren, hatten inzwischen die halbe Welt erobert und standen auf einem Höhepunkt des Ruhms, der die alten Kontroversen fast gegenstandslos erscheinen ließ. Damit waren natürlich auch die Gründe weggefallen, die gegen eine Veröffentlichung des vollständigen Briefwechsels gesprochen hatten.

Tatsächlich erschien im Jahre 1952 eine definitive „Gesamtausgabe“, die sogleich in ihrer weit über das rein musikalische Interesse hinausgehenden Bedeutung erkannt wurde – und zwar nicht nur in den deutschsprachigen Ländern, sondern auch, nach ihrer Übersetzung im Jahre 1961, in England und Amerika. So hat auch W. H. Auden, durch seine Zusammenarbeit mit Strawinsky an Rake’s Progress“ wie kein zweiter unter den lebenden Dichtern dazu qualifiziert, dem Werk einen ausführlichen Essay (unter dem Titel „A Marriage of True Minds“) gewidmet, in dem er auf den einzigartigen und beispielhaften Einblick in den Prozeß gemeinschaftlichen künstlerischen Schaffens hinweist, den der Briefwechsel ermöglicht.

Inzwischen ist der Band, der 1955 eine fast unveränderte Neuauflage erlebte, bereits zum klassischen Bestand unserer Bibliotheken geworden. Leise Zweifel an der Vollständigkeit und Verläßlichkeit des Textes waren allerdings in den letzten Jahren hin und wieder aufgetaucht. Zwar hatten die Herausgeber jene Stellen im Original wiederhergestellt, die Hofmannsthal und zuweilen auch Strauss für die Veröffentlichung ursprünglich verändert oder gemildert hatten, so daß auch die etwas burschikose Art und Weise, in der Strauss, zu Hofmannsthals Leidwesen, seinen Mitarbeiter mehr als einmal aufforderte, „den Pegasus zu satteln“, und ähnliches dem Leser nicht mehr vorenthalten blieben.