Deutsche Autoren im schwedischen TV

Die Gruppe 47 tagte in Sigtuna, einer alten schwedischen Stadt. Der Leseraum, ein Volkshochschulsaal mit komfortablem Gestühl, war bläulich verraucht, draußen sah man schneeweiße Birken und herbstliche Wälder, den nördlichen Septemberhimmel und den Widerschein eines melancholischen Sees. Literatengeplauder und Erinnerungen an Mariefred, Tucholskys Manen waren dabei, ansonsten schien alles vertraut: der aufgeregte Lesende, hüpfende Adamsäpfel und wippende Zehnpfennigabsätze; Gedanken einsamer Stunden mit der Langeweile und dem Snobismus von Kollegen konfrontiert, die ihre eigene Einsamkeit hatten; Bekenntnis-Poesie im Angesicht der Kritiker, denen es nicht weh tat, wenn sie im Anhören proustisch verschnörkelter Sätze einen Nachbarn nach Streichhölzern fragten.

Der Autor litt; die Hörer in den vorderen Reihen suchten mit kundigem Blick die noch zu lesenden Blätter zu zählen, gaben Nachricht nach hinten, nickten oder korrigierten sich; nicht vier, sondern sechs, ich hab’ mich geirrt, es war Durchschlagpapier; Grassens Nußknackermiene wurde durch Enzensbergers Zuspruchslächeln neutralisiert; Gauloise und Sammetwestchen, die Gruppe hat viele Gesichter; Hans Werner Richter, unparteiisch wie je, verbarg sein Engagement hinter dem Routineschleier schläfriger Lider, während Walter Höllerer mit fliegenden Lettern falsche Gedicht-Metaphern notierte. (Wurde mißlungene Prosa gelesen, dann verwandelten sich die Ausrufungszeichen der vorigen Seite in riesige Pilze, Punkte gerannen zu Zwergpfifferlingen. Arabesken kündeten vom ennui, und der Lesende hatte Grund, sich zu fürchten.)

Hans Mayer kreuzte indessen die Arme napoleonisch über der Brust, und das hieß: was ihr auch sagt, ich bin anderer Meinung als ihr; Erich Fried schrieb winzige Zettel und zerratschte Papierchen, die die Ergriffenheitspausen zerschnitten – zerfranste Todeslose, auf denen hoffnungslos stand oder Bidet und Bastille: wie kommt das zusammen? Joachim Kaiser neigte, grammatikalische Balten-Pointen ersinnend, elegisch den Kopf, lutschte am Drehbleistift, und dieser Bleistift war ein zierlicher Magnet, an dem die Konstruktionsfehler des Lesenden hingen... ein kleiner, winzig-scharfer Marterpfahl. Reich-Ranicki endlich, Blickfang zuerst und zuletzt, entfaltete hinter dem Projektil seiner Gläser ein landschaftsgleiches Gesicht mit Falten des Leides, zum drittenmal der falsche Konjunktiv, mit Wülsten der Begeisterung, endlich wieder Literatur, und mit Adern des Zorns: nein, diese Rollenprosa ist fatal!

Eine halbe Stunde lang tasteten die schwedischen Kameraleute, während man Dichtungen ihrer Landsleute las, die Gesichter der Hörenden ab, und ohne daß der Autor selbst im Bild erschien, wurde aus der Lippenstellung, dem Schweißperlenfluß und jenem Castorpschen Dösen, das auf den Gruppentagungen immer die Voraussetzung einer spontanen Begeisterung ist, das placet, pereat und quousque erkennbar.

Die Schweigenden sprachen. Reich-Ranicki schrieb das EKG der Poesie, Zeilenrhythmen setzten sich in Muskelspiele um. Momos