Von Hanns-Wolf Rackl

Carlos, der Fischer, schüttelte den Kopf, als ich die Kleider mit Schwimmflossen und Tauchmaske tauschte. Es sei zu kalt, hüstelte er, ich würde krank werden. Recht hatte er; ein kalter Wind bewegte das Wasser der Bucht. Jedoch – da unten lockte die „versunkene Stadt“.

Ich spreche nicht von Vineta, ich träume auch nicht von Atlantis. An jenem Tag war ich der alten Küstenstraße von Neapel aus nach Norden in zwei unscheinbare Vororte, Pozzuoli und Baiae, gefolgt. Vor Pozzuoli sah ich das erste Relikt der versunkenen Stadt, ein wuchtiges – graues Bauwerk aus der Römerzeit, dessen schwere Gewölbe noch zu einem Drittel aus dem Meer aufragen. Ein findiger Neapolitaner hatte vor hundert Jahren auf die antiken Mauern eine Taverne gebaut. „Ristorante Vicienco A Mare“ nennt sie sich heute. Während ich Wein von den Hängen des Vesuvs zu gebackenen Kalamare trank, rollten unter mir Wellen durch die Gewölbe, klatschten gegen die Pfeiler.

Der Blick reicht, über stille Buchten hin, vom düsteren Neapel im Süden bis zum festungsgekrönten Capo Misono im Norden. Einst herrschte hier buntes Leben. Puteoli hieß damals der Ort mit dem prächtigsten Naturhafen Italiens. In den letzten Jahren der römischen Republik und zur Zeit der ersten Kaiser war er einer der Brennpunkte des antiken Seehandels. Kaum eine Fracht für Rom, die hier nicht angelandet worden wäre. In Misenum aber lag die große Armada des Imperiums vor Anker. Doch schließlich hatte Kaiser Claudius zur Versorgung Roms in Ostia einen gewaltigen künstlichen Hafen graben lassen. Puteolis Blüte verging. Dann sank die Küste dieses unruhigen, vulkanischen Landstriches ab. Puteolis Molen und Speicher verschwanden im Meer.

Drei barfüßige Jungen trabten vor mir her und führten mich zum Serapistempel. Ich stand vor einem düsteren, eingefriedeten Meerwassertümpel, aus dem halb ertrunkene Säulen und Mauern aufragten. Bis weit über den heutigen Wasserspiegel ist der Marmor von Bohrmuscheln zerfressen – so weit war das Serapeum einst versunken. Bei einem Ausbruch des heute erloschenen Monte Nuovo bei Pozzuoli im 16. Jahrhundert hatte sich das Land wieder gehoben. Höbe es sich weiter, stiege auch Baiae wieder aus der Tiefe auf, die versunkene Stadt. Die „High Society“ des römischen Imperiums, voran die Cäsaren und Senatoren, widmete sich in dieser prunkvollen Stadt der heilenden Wirkung der Thermalquellen, dem Luxus und dem Laster. Schlemmermähler mit den erlesensten Speisen des Weltreiches, Trinkgelage, iberische Tänzerinnen, Musikanten, Komödianten und Literaten füllten die reichen Salons der marmorgeschmückten Villen und Paläste. Was war dagegen Pompeji? Ein Provinznest.

Fast immer trüb und undurchdringlich liegt die Flut über Baiaes Straßen und Ruinen. Ich glitt über die Bordwand von Carlos’ Boot. Meine Augen lernten langsam dunkle Schemen zu erkennen, Mauern. Ich fand ein von verkrustetem Stein umschlossenes Viereck, dann mehrere Häuser, und kam in eine Straße. Die Platten, über die ich halb hinschwebte, halb mit den Händen krabbelte, lagen festgefügt am Grund. Vornehme Römer mochten ihre elegant gekleideten Frauen hier entlang zum Einkaufsbummel geführt haben.

Von Carlos’ Boot ließ ich mich, das Atemrohr im Mund, weiterschleppen. Immer neue Mauerzüge tauchten auf. Manchmal verdeckte das trübe Wasser alles, dann wieder sah ich Stufen, eine Säule, eine Rohrleitung, die einst Wasser in eine Therme gebracht haben mochte. Meilenweit erstrecken sich die Ruinen der Stadt hin. Ich eilte durch die Zimmerfluchten einer Villa. Ein kleiner Krake, der hier wohnte, huschte davon. Ich fand ein Mosaik, sauber, als sei es frisch gefegt, faßte eine halbe Handvoll loser Steine.