Robert V. Daniels: Das Gewissen der Revolution. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 604 Seiten, 36,80 DM.

Seit ihrem Entstehen ist die kommunistische Bewegung in Rußland von innerparteilicher Zwietracht durchzogen wie von einem roten Faden. Die Erfolgreichen, Lenin und Stalin vor allem, machten Weltgeschichte, die Unterlegenen wurden geächtet und oft schnell vergessen. Ihrem Schicksal hat der Amerikaner Robert Vincent Daniels ein hervorragendes Buch gewidmet – nicht um sie zu rechtfertigen oder zu verherrlichen, wie es Isaac Deutscher in seiner Trotzki-Biographie so beredt versucht hat. Daniels schreibt mit der kühlen Distanz des Wissenschaftlers. Seine Aufmerksamkeit gilt der Frage, was aus einer geschichtsphilosophischen Utopie in der politischen Wirklichkeit wurde. Ihn interessiert der Bindestrich am „Marxismus-Leninismus“. Am Schluß stellt, sich heraus, daß dieser Bindestrich eigentlich ein Trennungsstrich ist.

Die These, Stalins Herrschaftssystem habe nur noch wenig mit den Ideen von Marx gemeinsam gehabt, ist nicht neu. Vor allem die Deutschen vertreten sie gern, um einem ihrer großen Philosophen den Vorwurf des Verbrecherischen zu ersparen. Bedeutsamer als dieses Fazit, zu dem auch Daniels gelangt, ist die Beweisführung des Autors. Indem er die Kämpfe in der kommunistischen Partei von der erfolglosen Revolution des Jahres 1905 bis zur Errichtung der unumschränkten Herrschaft Stalins am Ende der dreißiger Jahre darstellt, zeigt er zugleich den Wandel, dem der Kommunismus durch die Anpassung an die russische Wirklichkeit unterworfen war.

Ernüchtert sahen die Revolutionäre 1905, wie der Zarismus dem ersten Umsturzversuch standhielt und der revolutionären Bewegung mit der Einführung der ersten Reichsduma den Wind aus den Segeln zu nehmen drohte, Die radikalen Bolschewiki wollten nun erst recht den bewaffneten Aufstand. Nur einer von ihnen, Lenin, erkannte, daß revolutionäre Romantik nicht ausreichte, an die Macht zu kommen. Er riet zum Abwarten und setzte die Beteiligung an den Dumawahlen durch. Im Oktober 1917 wich Lenin dem Gewaltstreich nicht mehr aus. Die meisten seiner Gefolgsleute wollten sich mit der „bürgerlichen Revolution“ des Februar vorerst begnügen, da in Rußland die gesellschaftlichen und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die „proletarische Revolution“ vollkommen fehlten. Lenin entschloß sich zu handeln.

In Brest-Litowsk schloß dann Lenin den Frieden mit Deutschland und Österreich-Ungarn. Er sah ein, daß es unmöglich war, im Innern ein revolutionäres Regime aufzubauen und nach außen einen aufwendigen Krieg zu führen, wie „gerecht“ der Krieg gegen kapitalistische Staaten im Sinne von Marx auch immer sein mochte.

So hatte Lenin schon kurz nach der Machtergreifung deutlich zu erkennen gegeben, wohin er sich zu schlagen gedachte, wenn sich die Erfordernisse der Politik mit dem marxistischen Dogma nicht deckten. Daniels will zeigen, daß nicht erst Stalin den Schritt von ideologischer Frömmigkeit zum politischen Opportunismus tat. Der Autor kann sich vor allem auf die innenpolitische Entwicklung in der Sowjetunion unter Lenin berufen. Mit dem gewaltsamen Anschluß der Ukraine an die Moskauer Führung im Jahre 1919 verhöhnte Lenin das Selbstbestimmungsrecht, das er selbst vor der Revolution immer propagiert hatte. Damit begann das „Sammeln der russischen Erde“, das der bolschewistischen Herrschaft jenen nationalistischen Zug gab, der dem Dogma von Marx widersprach. Mit der Einführung der Neuen ökonomischen Politik opferte Lenin zwar das Prinzip der sozialistischen Güterverteilung, konnte aber die Bauern beruhigen, deren Widerstand drohende Formen annahm.

Marxistische Idealisten, die die Revolution entweder ganz oder gar nicht wollten, fühlten sich von Lenins Winkelzügen verraten. In Kronstadt griffen sie im März 1921 zu den Waffen. Lenin schlug die Revolte blutig nieder. Meist allerdings wurden die Auseinandersetzungen schon in den Parteigremien entschieden. Lenin wechselte dabei Freunde und Gegner ebenso wie eigene Bekenntnisse, Damit war, als er starb, der Boden für Stalin geebnet: die zentralistische Diktatur, die dem Willen eines Mannes gehorchte, bestand schon 1922. Eine Umkehr zum demokratischen und internationalen Standpunkt von Marx war nicht mehr möglich.