Wenn Stalin die Landwirtschaft kollektivierte, mit den Fünfjahresplänen die Industrialisierung vorantrieb, wenn er nicht die theoretisch längst fällige Revolution in Westeuropa abwartete, sondern den "Sozialismus in einem Land" aufbaute, so folgte er mit allen diesen Schritten der Spur Lenins. Daniels gibt zu, daß Stalin rücksichtsloser und engstirniger verfuhr als sein Vorgänger, aber er sieht in der politischen Linie beider keinen grundsätzlichen Unterschied.

Gemeinsam verfochten sie einen "völlig neuen Begriff des Sozialismus". Sie ersetzten den "nachindustriellen Utopismus Westeuropas" durch einen "diktatorischen Angriff auf die Rückständigkeit" in Rußland. Dieser Verrat an Marx war der einzig gangbare Weg zur Macht. Für die "Revolution von unten" fehlten in Rußland alle Voraussetzungen. Deshalb mußte die "Revolution von oben", sozusagen von Berufs wegen, gemacht werden. Die fehlende gesellschaftliche Basis der Revolution wurde nachträglich hergestellt, so in Stalins Bauernvernichtung.

Wie schwer besonders Stalin, dem die theoretische Schlagfertigkeit Lenins fehlte, dieses Manöver fiel, zeigt die Tatsache, daß er desto unerbittlicher auf den Buchstaben der alten Ideologie pochte, je weiter er sich von ihr entfernte. Die besseren Argumente freilich behielten meist jene, die ausgebootet und als Irrlehrer verpönt wurden, die Oppositionellen: auf dem "rechten" Flügel Bucharin, der Anwalt einer liberalen Innenpolitik, auf dem "linken" Trotzki, der Verfechter der permanenten Revolution, Sinowjew, der unsichere Wandler zwischen den Fronten und viele andere. Ihnen allen gelang es nicht, das Gedankengebäude von Marx, das dem neunzehnten Jahrhundert in Westeuropa angemessen war, der russischen Wirklichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts anzupassen. Sie waren zwar gute Marxisten und manche von ihnen sogar ganz gute Demokraten, aber Rußland brauchte einen genialen Improvisator wie Lenin oder einen rücksichtslosen Vollstrecker wie Stalin.

Persönliche Schwächen der Oppositionellen kamen hinzu. Der Moskauer Universitätsprofessor Bucharin fand nie ein rechtes Verhältnis zur politischen Macht. Trotzkis unruhiger Geist löste zwar viele Auseinandersetzungen aus, aber ihm fehlten Skrupellosigkeit und Ausdauer, sich durchzusetzen. So konnte Stalin es sich leisten, dieses geistige Rückgrat der Revolution im Zeitlupentempo zu brechen. Sinowjew hingegen war nur der polternde Bürgerschreck, ohne geistige Disziplin und ohne politisches Konzept. Innerlich zerfallen mit dem System waren sie alle schon unter Lenin, und nur dessen faszinierende Persönlichkeit band sie äußerlich noch an die Revolution. Der mittelmäßige Stalin zog dann den blutigen Schlußstrich.

Auch vor den Augen Chruschtschows haben "Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten" noch keine’Gnade gefunden, so scharf er Stalins Methoden auch verurteilt hat. Überhaupt verlockt das Buch von Daniels dazu, aktuelle Parallelen zu ziehen. Der Konflikt zwischen revolutionärem Idealismus und politischem Pragmatismus ist längst nicht beendet. Er hat sich eher von einem Kampf zwischen Fraktionen zu einem Kampf zwischen Staaten ausgeweitet. Manche Positionen im Streit zwischen China und der Sowjetunion sind dem Leser verständlich, wenn er dieses Buch aus der Hand legt.

Dieter Roß