De Gaulle zog aus, die Dritte Welt zu erobern

An der Westküste des lateinamerikanischen Subkontinents hinunter, an der Ostküste wieder hinauf, von Caracas über Buenos Aires nach Recife, 30 000 Reisekilometer, ein paar Dutzend Reden, 50mal täglich heraus aus dem Automobil und wieder hinein, vier Stunden Stehen pro Tag und, so schätzt das Protokoll, 300 Hände schütteln – wahrhaftig, die Südamerika-Tour des 73 jährigen Charles de Gaulle ist keine gemütliche Höflichkeitsvisite. Es ist eine politische Galavorstellung, die auf die mexikanische Generalprobe im Frühjahr folgt und die ihrerseits nur die Generalprobe abgeben soll für weitere große Reisen: Charles de Gaulle zieht aus, wenn nicht die Welt, so doch die Dritte Welt zu erobern.

Er kommt nicht als Konquistador mit dem Schwert, sondern in friedfertiger Mission. Er schmeichelt seinen Gastgebern aufs äußerste und versucht sie zu gewinnen für die Konzeption einer neuen Politik – unabhängig von den beiden großen Machtmetropolen. Mit ihm kehrt – diese ein bißchen bombastische, aber sehr einprägsame Devise war in Paris schon bei der Mexiko-Reise des Generals geprägt worden – „Europa“ nach Lateinamerika zurück. Und de Gaulle, der sich als Vertreter Europas fühlt, auch wenn er das diesmal aus gutem Grunde nicht mehr so sehr betont, ist ein gern gesehener, ein umjubelter Gast. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens bewundern die Lateinamerikaner, denen politische Persönlichkeiten von je mehr imponierten als politische Ideologien, die nun schon geschichtliche Figur des französischen Staatschefs. Und das gilt natürlich um so mehr, als dieser Präsident jene Uniform trägt, die in Iberoamerika so viel zählt: die des Generals.

Es zählt, wer zahlt

Zweitens unterstreichen die Lateinamerikaner, die sich von ihren angelsächsischen Nachbarn im Norden nie so recht verstanden fühlten, jenes gemeinsame „lateinische Erbe“, auf das auch de Gaulle immer wieder anspielt.

Drittens wird in ganz Lateinamerika jeder Politiker sozusagen unbesehen umjubelt, der Washington die Stirn bietet.