Von Karl-Heinz Janßen

Die Welt kennt Richard Sorge, Stalins Meisterspion, dem jüngst sogar die "Prawda" eine Enthüllungsserie widmete; manche haben auch von Rudolf Roessler gehört, dem zweitwichtigsten Agenten des Kremls. A 54 hingegen ist noch immer unbekannt. Sorge war Kommunist, Roessler ein Emigrant, A 54 aber war Nationalsozialist – Mitarbeiter von Canaris. Die Gestapo jagte ihn als "Verräter", Heydrich selber wollte ihn zur Strecke bringen. Seine Geschichte hat jetzt der tschechoslowakische Journalist und Historiker Rudolf Ströbinger rekonstruiert: aus dem Archiv Heydrichs, aus den Akten der tschechoslowakischen Exilregierung, den Depeschen der Prager Widerstandsgruppen nach London und den Erinnerungen von Geheimdienst-Offizieren. Ströbingers Untersuchung erscheint Ende dieses Jahres unter dem Titel "Stopa vede k Renému" (Die Spur führt zu René) im Prager Verlag Lidova demokracie. Der folgende Bericht stützt sich auf Ströbingers Forschungsergebnisse, auf die Mitteilungen ehemaliger deutscher Abwehr-Offiziere und auf die Memoirenliteratur, in der A 54 seit Kriegsende immer wieder als der geheimnisvolle Unbekannte figurierte.

Ein schöner Frühlingstag des Jahres 1936. In einem Wald unweit der deutsch-tschechoslowakischen Grenze gehen drei Männer ungeduldig auf und ab. Einer von ihnen ist Oberst Frantisek Moravec, Chef der Fahndungsabteilung in der zweiten Abteilung des Prager Generalstabes. Der Oberst wartet auf einen unbekannten Deutschen, der dem militärischen Nachrichtendienst Informationen über die deutsche Spionage angeboten hat. Seinen Brief – vom 8. Februar 1936 – hatte er unterschrieben mit "Voral X".

Die verabredete Stunde ist verstrichen; von Voral X keine Spur. Will die deutsche Abwehr dem Obersten Moravec eine Falle stellen? Soll er entführt werden? Im Dickicht sind acht tschechische Geheimdienstleute postiert, die ihren Chef schützen sollen. Oder hat sich der Deutsche bloß verspätet?

Plötzlich steht er hinter Moravec. "Ich bin Voral", sagt er auf deutsch, mit sächsischem Tonfall. Ein Mann von eher kleiner Statur, Mitte Dreißig, mit der fahlen Haut eines Müllers, vorstehenden Augen, energischem Kinn und preußischem Haarschnitt. Er steigt in Moravecs Wagen und fährt mit ihm zusammen zu einer Gendarmeriestation im Landesinneren. Dort zieht "Voral" Dokumente aus seiner Aktentasche.

Ein kurzer Blick genügt Oberst Moravec: Dies ist kein Spielmaterial. Dieser Agent ist echt. Der Preis freilich, den Voral verlangt, ist happig: 5000 Reichsmark. Doch Moravec geht auf das Angebot ein. Und von da an arbeitet Voral als Agent "A 54" für den Nachrichtendienst der Tschechoslowakei.

Gleichzeitig arbeitet er für Canaris: Als Hauptinformant der Abwehrstelle Dresden soll er für den "Geheimen Meldedienst" der Wehrmacht in der Tschechoslowakei Erkundigungen einholen. Nichts ist leichter als das; der tschechoslowakische Geheimdienst selber baut ihm ein "Agentennetz" auf. Prag liefert sogar Chiffrierschlüssel dazu. Beide Seiten sind zufrieden.