Es gibt Bücher, denen mit rein ästhetischen Kriterien nicht beizukommen ist, weil sie, trotz aller Anleihe bei der Literatur, über die zeitgeschichtliche Aussage nicht hinauskommen. Um ein solches zeitgeschichtliches Dokument handelt es sich bei der Anthologie

„Phönix“ – Junge Lyrik aus dem anderen Rußland, herausgegeben und übersetzt von Elimar Schubbe; Carl Hanser Verlag, München; 68 S., 7,80 DM.

Sie geht auf eine im Jahre 1961 in Moskau in der Illegalität entstandene literarische Zeitschrift zurück, von der angeblich nur ein einziges Exemplar in den Westen gelangte. Der Herausgeber und Übersetzer Elimar Schubbe hat die repräsentativsten lyrischen Beiträge (und nicht weniger als hundertzwanzig von den insgesamt hundertvierzig Seiten Text entfallen auf die Poesie) ins Deutsche übertragen und in einem Nachwort die Entstehungsgeschichte des Phönix und der ebenfalls illegalen Zeitschriften Syntax und Bumerang skizziert, von denen die erste fünf, die letzte drei Ausgaben erzielte, ehe man die Redakteure verhaftete.

Wir haben es also mit jener antistalinistischen Literatur zu tun, welche das Ideengut des Kommunismus grundsätzlich negiert und daher von vornherein auf jedes Wirken in der Öffentlichkeit verzichten muß. Was die lyrischen Beiträge des Phönix für den westlichen Leser interessant macht, ist demnach nicht die poetische Substanz (es handelt sich wohl durchweg um literarische Erstlingsversuche ganz junger Menschen, die zudem zumeist unter Pseudonym vorgesetzt werden), sondern die Dimension der Aussage.

Untersucht man diese Poesie auf ihre ideellen Antriebsmomente, so lassen sich folgende Motive des literarischen Widerstandes aufzählen: die Witterung für die Katastrophe, für die geistige Krise des Nachstalinismus, die sich in ekstatischen Visionen eines neuen Dekabristenaufstands niederschlägt, dem auch diesmal der Poet als Sprachrohr der Volksempörung vorsteht; ferner die kontrapunktische Gegenüberstellung der statischen, reaktionären, korrumpierten Oligarchie und des von ihr entmündigten Volkes, darunter auch seiner Elite. Auf der einen Seite also brutale Macht, bankrotte Repräsentanz, auf der anderen anarchischer Freiheitsdrang, erwachter Gewissenswiderstand als Vorstufe der Empörung. Der Ausgang muß, geschichtlich gesehen, furchtbar sein, aber, aus dem Zusammenprall, aus den Kräften könnte etwas Neues entstehen. Sache der Eingeweihten, an erster Stelle des mit der Mission der Verkündung betrauten Poeten, ist es also, die Bloßlegung dieses historischen Konflikts zur Kenntnis jedes russischen Menschen zu bringen, mögen die Folgen für den einzelnen noch so verhängnisvoll sein.

Wie viele Phönixe es in der Sowjetunion gibt, entzieht sich unserer Kenntnis. Daß es sich in jedem Fall um eine intellektuelle Minderheit handelt, dürfte außer Zweifel stehen. Sie ist bezogen auf das Erlebnis des Jahres 1956, in dem diese Generation erstmalig in den Sog eines einzigen beherrschenden historischen Ereignisses, der Zerstörung des Stalin-Mythos, hineingezogen wurde.

Die Phönix-Lyrik faßt die metaphysische Erschütterung dieses Erlebnisses zusammen, indem sie die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Vergangenheit aus der Sphäre rhetorischer Unverbindlichkeit in offene Opposition zum Staate bringt – wobei sich freilich die Diskrepanz zwischen der Ungeheuerlichkeit des Themas und seiner poetischen Bewältigung nicht übersehen läßt. Ebensowenig läßt sich das Fehlen eines gemeinsamen Credos übersehen. Das einzig Gemeinsame ist die Ablehnung des gegenwärtigen Zustandes, die totale Absage an das Bestehende sowie die Bereitschaft zur Revolte.

Der sowjetische intellektuelle Antikommunismus im Stile der Phönix-Publikation ist als existenzialistisches Phänomen, als moralisches Unbehagen einer Elite, nicht aber als organisierte politische Sammelbewegung und noch weniger als reine Literatur zu werten. Als solches verdient es die gleiche Aufmerksamkeit wie die antistalinistischen Beiträge der offiziellen Literatur, die keineswegs immer künstlerischer zu sein brauchen, dafür aber ungleich mehr Konzessionen an die offizielle Ideologie machen müssen, um die Maschen der Zäsur passieren zu können.

Helen von Ssachno