"Lebe gefährlich"

Ho, Köln

Vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts in Köln begann in dieser Woche ein Prozeß, in dem über die literarische Bewältigung der großdeutschen Vergangenheit entschieden werden soll. Angeklagt ist der 40jährige Verleger Helmut Cramer aus Niederpleis bei Siegburg. Die Anklage wirft ihm vor, staatsgefährdende Schriften vertrieben zu haben.

Rund 900 Druckseiten wollen Staatsanwälte und Richter an 15 Verhandlungstagen Wort für Wort nachlesen, um feststellen zu können, ob Verleger Cramer mit seinen Büchern für eine Neuauflage des Dritten Reiches werben wollte. Cramer hatte im vergangenen Jahr in seinem Ring-Verlag unter dem Titel "Sie kämpften für Deutschland" eine Buchreihe herausgegeben, in der ehemalige Mitglieder der Waffen-SS in drastischer Manier ihre Kriegserlebnisse schilderten. Schon bald nach dem Erscheinen nahmen staatliche Stellen der Bundesrepublik Anstoß an der SS-Landser-Literatur: Der Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, Oberregierungsrat Robert Schilling, und seine Beisitzer entschieden, das bei Cramer erschienene Kriegstagebuch "Standarten-Oberjunker Normann" von Günter Werdorf sei jugendverderbendes Schrifttum und müsse mithin verboten werden.

Die demokratischen Buchprüfer aus Bad Godesberg fanden bald auch einen starken Mitstreiter: Cramers Buchreihe hatte auch die Kölner Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Bei einer Polizeiaktion in Cramers Verlagsräumen beschlagnahmten Kölner Beamte die gesamte Auflage von drei Bänden der SS-Buchreihe: Wir kämpften – wir verloren", "Lebe gefährlich" von Cramers Starautor Otto Skorzeny, dem einst populären SS-Offizier und Mussolini-Befreier, sowie Günter Werdorfs ohnehin schon inkriminierten "Standarten-Oberjunker Normann".

Jetzt, nahezu anderthalb Jahre nach der Kölner Aktion, erhob der Oberstaatsanwalt Dr. Krämer aus Köln Anklage. Cramer, selbst ehemaliger Waffen-SS-Untersturmführer (Leutnant) ist beschuldigt, Schriften und Abbildungen vertrieben zu haben, die darauf gerichtet seien, die bundesrepublikanische Freiheit zu untergraben. Krämer in Sachen gegen Cramer: "Ziel der Bücher über die Waffen-SS ist, die allgemeine SS und die NSDAP und damit das ganze NS-Regime und seine Führer zu rehabilitieren." Nach der Darlegung des Oberstaatsanwalts war die Waffen-SS eine typische Institution des NS-Staates und keine Spezialeinheit des Heeres gewesen.

Cramer hingegen will, wie er vorgibt, mit seinen Büchern lediglich eine dokumentarische Aufklärung über die Waffen-SS vermitteln: "In den Büchern wird geschildert, wie es wirklich war, wie die Menschen damals dachten. Was der Oberstaatsanwalt schreibt, ist ja eine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, und dagegen werden wir noch Strafantrag stellen. Schließlich sind fast 400 000 Soldaten der Waffen-SS im letzten Krieg gefallen. Mit der allgemeinen SS hatten die überhaupt nichts zu tun. Das ist doch längst erwiesen."

In seinem Streit mit der Staatsanwaltschaft will der Verleger Cramer notfalls so prominente Zeugen wie Altbundeskanzler Adenauer, den Exverteidigungsminister Strauß und den pensionierten Befehlshaber der NATO-Landstreitkräfte Europa-Mitte, General Hans Speidel aufbieten lassen. Sie sollen Cramer als Beweis dafür dienen, daß ihm jede Rehabilitierung von NS-Verbrechen ferngelegen hat. Der Verleger: "Lesen Sie selbst deren Äußerungen."

"Lebe gefährlich"

In der Tat sagte Adenauer 1953 in einer Rede in Hannover: "Die Männer der Waffen-SS waren Soldaten wie alle anderen auch. Machen Sie einmal dem Ausland klar, daß die Waffen-SS nichts mit Sicherheitsdienst und Gestapo zu tun hat. Machen Sie einmal den Leuten deutlich, daß die Waffen-SS keine Juden erschossen hat, sondern als hervorragende Soldaten von den Sowjets am meisten gefürchtet war."

Strauß: "Wie ich persönlich über die Leistungen der an der Front eingesetzt gewesenen Verbände der Waffen-SS denke, wird Ihnen bekannt sein. Sie sind selbstverständlich in meine Hochachtung vor dem deutschen Soldaten des letzten Weltkrieges einbezogen..."

Speidel: "Die 12. SS-Panzerdivision hat sich unter der Führung des damaligen Generalmajors der Waffen-SS, Kurt Meyer, bei der Abwehr der Invasion hervorragend bewährt."

Aus solchen Lobreden folgert Cramer selbstsicher: "Wenn meine Bücher über die Waffen-SS staatsgefährdend sind, dann müssen eigentlich auch Adenauer, Strauß und Speidel auf die Anklagebank. Denn auch ihre Worte sind dann eine Rehabilitierung des NS-Staates." Verleger Cramer bemängelt aber auch, die Staatsanwaltschaft habe ihn nicht mehr zu Wort kommen lassen. Es war nämlich beabsichtigt, dem beschlagnahmten Buch "Standarten-Oberjunker Normann" einen zweiten Band folgen zu lassen.

Autor Werdorf, alias "Standarten-Oberjunker Normann", mit richtigem Namen Günter Nixdorf, verlor indes die Lust am Schreiben. Nixdorf, Schwerkriegsbeschädigter und Angestellter der Freien Hansestadt Hamburg, wurde – wie er sagt – wegen seines Erstlingswerkes über die Waffen-SS von seiner Behörde entlassen. Tatsächlich setzte der Hamburger Senator für Arbeit und Soziales den Tagebuchverfasser Nixdorf fristlos auf die Straße. Wegen, dieser Entlassung streitet Nixdorf noch heute mit dem Hamburger Senat.

Verleger Cramer aber, den die Beschlagnahme seiner Bücher nach eigenem Zeugnis bereits 500 000 Mark gekostet hat, gibt nicht auf. Er hat im Spiel gegen den Staatsanwalt in Köln einen Trumpf parat, der stechen soll: Die Skorzeny-Memoiren waren schon einmal in der Bundesrepublik publiziert worden, und zwar unbeanstandet. 1950 druckte und verkaufte der Hansa-Verlag in Hamburg 10 000 Skorzeny-Exemplare, ohne – wie es Cramer tat – politisch bedenkliche Stellen herauszustreichen. Verantwortlich zeichnete damals der jüdische Verleger Joseph Toth.

Außerdem war die Auflage unter alliierter Kontrolle erschienen, während heute ein in politischen Strafsachen sachverständiger Staatsanwalt Zensor ist: Der Kölner Oberstaatsanwalt Dr. Krämer war laut einer Karlsruher Dokumentation über NS-Verbrechen früher Staatsanwalt am Volksgerichtshof in Berlin. 1942 erwirkte er ein Todesurteil gegen einen Angehörigen einer polnischen Widerstandsgruppe. Der heutige Oberstaatsanwalt aus Köln nimmt zu diesem Vorwurf auf seine Art Stellung: "Das sind olle Kamellen, machen Sie damit, was Sie wollen."