Die deutschen Kommunisten hatten in der vergangenen Woche Anlaß zur Trauer und zum Jubel. Sie betrauerten den Tod ihres Ministerpräsidenten Grotewohl, und sie feierten die Verabschiedung des Freundschaftsvertrages mit der Sowjetunion.

"Neues Deutschland" schrieb auf der ersten Seite: "Der 23. September ist als ein goldener Herbsttag über Berlin heraufgezogen. In seinem milden Licht sind Reife und Vollendung. Von einem, dessen Leben und Kampf sich groß und gut und beispielhaft vollendet haben, nimmt an diesem Herbsttag unsere Hauptstadt, die Republik, die ganze fortschrittliche Menschheit, schmerzerfüllten Abschied – von Otto Grotewohl stehen seine Bürger zu Hunderttausenden, in den Gesichtern stumme Trauer oder heftigen Schmerz, der den Tränen freien Lauf läßt. Alte grüßen mit erhobener Faust, Junge mit tiefgesenkten Fahnen."

Falsches Pathos, falsches Deutsch. Immerhin: Grotewohl, der ehemalige Sozialdemokrat, war einer der wenigen SED-Politiker, dem nicht nur Kommunisten eine gewisse Achtung entgegenbrachten. Mit Genugtuung verzeichnete die SED-Presse freundliche Gedenkartikel aus dem Westen. Sie verschwieg freilich, warum auch dort manche den politischen Gegner achteten: weil er sich gegen den Terror seiner eigenen Partei wandte, weil er Freunde vor der Verfolgung durch seine Genossen warnte, weil ihm die deutsche Einheit mehr als nur ein Propaganda-Schlagwort zu sein schien.

Einen Tag nach den Beisetzungsfeierlichkeiten "wählte" die Volkskammer per Akklamation den 50jährigen Willi Stoph zum "Vorsitzenden des Ministerrats" und "Stellvertreter des Versitzenden des Staatsrats". Damit wurde der ehemalige Arbeiter, Innenminister, Verteidigungsminister, Armeegeneral und amtierende Ministerpräsident auch offiziell der zweite Mann hinter Ulbricht.

Stoph ist nie, wie Otto Grotewohl, in Gegensatz zu Ulbricht geraten, man sagt indes, er habe einen ebenso guten Draht zur Sowjetbotschaft Unter den Linden wie zum Amtszimmer des Staatsratsvorsitzenden. Stophs Initiative schreibt man den Vorschlag für ein Passierscheinabkommen und das Angebot des Zeitungsaustausches zu. Er sucht bei jeder Gelegenheit Kontakt mit Gästen aus dem Westen und versteht es, intelligenter und gewandter mit ihnen zu plaudern als andere Spitzenfunktionäre. Daß er außenpolitisch in der Form konzilianter, in der Polemik gegen die Bundesrepublik zurückhaltender ist als sein Parteichef, zeigte Stoph in seiner Antrittsrede und in der Stellungnahme zum "Freundschaftsvertrag" mit Moskau. Er betonte die "Tendenz zur internationalen Entspannung" und meinte, wohl zu den "Chinesen" in der SED gewandt, "daß der Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus letztlich in der Sphäre der materiellen Produktion entschieden" werde. Zum Sieg "der kleinen DDR" über das "große, ökonomisch starke Westdeutschland" werde der Vertrag mit der Sowjetunion beitragen.

Offiziell feierte Ostberlin am vorigen Donnerstag die Ratifizierung des Freundschaftsvertrags, inoffiziell die Unterzeichnung des Passierscheinabkommens. In der gleichen Woche drängten sich ältere Menschen in den Polizeidienststellen der DDR. Sie stellten Anträge für eine Besuchsreise in die Bundesrepublik. Und obwohl noch nicht offiziell bekanntgegeben, verbreitete sich die Nachricht von der Entlassung Tausender politischer Häftlinge (man sprach von 3500). Für die Menschen in der DDR sind das noch keine Beweise politischer Demokratisierung oder gar Liberalisierung, aber doch Anzeichen dafür, daß die Politik der SED in Bewegung geraten ist.

Dies zeigt sich auch auf dem Gebiet der Wirtschaft. Der Vorsitzende der staatlichen Plankommission, Apel, und der Leiter des Büros für Industrie und Bauwesen, Mittag, veröffentlichten eine Broschüre, in der sie fordern, die ökonomische Planung "von oben bis unten" umzugestalten. Sie kommen zu dem erstaunlichen Schluß: der lebendige Wirtschaftsprozeß sei immer reichhaltiger und variabler als der beste Plan.

Ein Beispiel der Liberalität, ja "westlich-dekadenter" Libertinage steuerte das Ostberliner "Magazin" bei: mit einem ganzseitigen Aktfoto, wie es kein westdeutscher Kiosk über den Ladentisch verkaufen würde, und einer "Bekanntschaftsanzeige" folgenden Inhalts: "Wer hat. Int. f. Camping? 3 motorisierte Freunde su. Partnerinnen (auch einz.)" Kai Hermann