HPB, Hamburg

Welche Opfer an Grund und Boden, an freiem Land und wertvollen Bauten müssen die Bürger dem ständig zunehmenden Straßenverkehr bringen? Welche Macht haben die Planungsbehörden? Zwei Hamburger Fälle geben Anlaß, über diese Fragen nachzudenken.

Da ist ein großer Grundbesitz am Rande des Villenvororts Blankenese, der 120 000 qm große „Hof Bockhorst des Kaffeefabrikanten Albert Darboven. Es ist kein gewöhnlicher Bauernhof; auf den Wiesen grasen nur Schafe, und auf einem Teil des Grundstücks wird eine Hühnerfarm betrieben. Durch eine Lindenallee fährt man auf ein Waldstück zu, das sich auf einer Anhöhe erhebt; hinter einem Birkenhain taucht das strohgedeckte Herrenhaus auf, dahinter ein ganzer Eichenwald. Der Hof ist die letzte große Besitzung in dieser Gegend; rund herum sind Wohnhäuser entstanden, und in der Nordwestecke liegt eine Kaserne – auf einem Gelände, das früher ebenfalls der Familie Darboven gehörte.

Nach dem Bebauungsplan für dieses Gebiet, der kürzlich ausgelegt wurde, wird das Grundstück bald vollkommen zerstückelt. Der Plan sieht vor, daß quer durch den Hof eine Straße gelegt wird, die Blankenese besser mit den nördlichen Stadtteilen verbinden soll. Außer der eigentlichen Straßenfläche will die Behörde auch noch „Grünflächen“ requirieren – ausgerechnet in dieser Umgebung, wo alles von Natur aus grün ist.

Wenn man die Straße an den Rand des Hofes legen wollte, müßte sie eine Kurve erhalten, die nach Ansicht der Verkehrsplaner für eine „schnelle“ Verbindungsstraße zu eng wäre. Die Trasse soll deshalb mitten durch das Grundstück geführt werden, wenige Meter vom Herrenhaus entfernt und so, daß die alten Bäume zum großen Teil fallen müßten. Damit nicht genug, haben die Stadtplaner auch ein Auge auf weitere Teile von Darbovens Besitz geworfen. Eine Fläche von mehreren tausend Quadratmetern ist vorgemerkt für ein Krankenhaus, ein Altersheim oder eine Schule. Neun Zehntel seines Grundbesitzes soll Albert Darboven hergeben – nachdem seinem Vater schon 1936 35 000 qm für den Kasernenbau weggenommen wurden. Von dem ursprünglichen Besitz der Darbovens blieben dann rund sieben Prozent.

Darboven wehrt sich heftig. Er sagt mit Recht, daß die Planung den Hof vollkommen zerstören würde. Seine Eltern haben verfügt, daß der Hof nicht geteilt und nichts verkauft werden darf, und ein Testamentsvollstrecker wacht über die Einhaltung dieses letzten Willens. „Meine Vorfahren haben mir den Hof nicht dazu vererbt, daß ich ihn so weggebe“, sagt der junge Kaufmann. Er sieht ein, daß er einen Teil seines Grundstücks für die Allgemeinheit opfern muß, aber gegen die jetzigen Pläne hat er beachtliche Einwendungen.

Das Landesplanungsamt hat ihm geschrieben: „Aus übergeordneten verkehrlichen Gründen kann auf diesen Straßenzug leider nicht verzichtet werden, ebenfalls nicht auf die anschließenden öffentlichen Grünflächen, durch die in erster Linie die Verkehrsflächen von den Bedarfsflächen getrennt werden sollen.“ Die Bedarfsflächen – das ist das, was man für die noch gar nicht im einzelnen festgelegten Zwecke wie Krankenhaus, Schule oder Altersheim haben will (obwohl es in der Nähe andere, unbebaute Grundstücke gibt, die ebenso dafür taugen, zum Teil sogar im Eigentum der öffentlichen Hand). Muß man aber wirklich einen einzigen Eigentümer so unverhältnismäßig stark belasten? Sind nicht die „verkehrlichen“ Gründe hier vielleicht die verkehrten? Es berührt auch merkwürdig, daß die Behörde noch in jüngster Zeit den Bau von Wohnhäusern nördlich des Grundstücks genehmigt hat, so daß der Hof jetzt „eingekesselt“ ist und eine schonendere Trassenführung schwer geworden ist. Immerhin: wenn die Bundeswehr nur einen kleinen Teil ihres Geländes zurückgäbe, könnte die Straße wahrscheinlich trotz allem noch so gelegt werden, daß der Eingriff erträglich bliebe.