Von Kurt Wendt

Die Börse hat in diesen Wochen viel auszuhalten. Sie kommt nicht dazu, sich an den steigenden Industriegewinnen zu erfreuen. Selbst die unverwüstlichen Optimisten beginnen allmählich daran zu zweifeln, ob die Aktienkurse ihren Spitzenstand vom Frühjahr dieses Jahres noch bis zum 31. Dezember nennenswert überschreiten werden. Statt zu steigen, wie zahlreiche Banken es ihrer Kundschaft vorausgesagt hatten, sind die Kurse sogar ins Rutschen gekommen. Besonders am Wochenbeginn, als die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bekannt wurden. Wenn man sich auch einzureden versuchte, daß Kommunalwahlen nicht mit Bundestagswahlen gleichzusetzen sind, so blieb doch niemand von dem Wahlsieg der SPD an Rhein und Ruhr unbeeindruckt. Werden uns die Wahlsorgen des Jahres 1965 um die Früchte der konjunkturellen Wiederbelebung bringen? – so fragten sich die Börsianer.

Es gab zunächst Aktienverkäufe aus dem In- und Ausland. Und zwar auf breiter Front. Der Entschluß vieler Leute, Aktien abzustoßen, fiel um so leichter, als sich in der Vorwoche eine tiefe Enttäuschung über die vermutliche Dividendenpolitik der großen Unternehmen ausgebreitet hatte. Mit seiner Erklärung, daß die deutschen Gesellschaften für 1964 kaum mit Dividendenerhöhungen aufwarten werden, sondern eher die Rücklagen stärken würden, hat der Sprecher der Deutschen Bank, Hermann J. Abs, offensichtlich zahlreiche Illusionen zerstört. Allerdings weniger bei der sachverständigen Kundschaft als bei jenen Leuten, deren Phantasie von Zeit zu Zeit durchzugehen pflegt.

Die nüchternen Anleger waren sich durchaus bewußt, daß die meisten Gesellschaften, deren Dividenden seit Jahren konstant geblieben sind, das zweifellos gute Jahr 1964 kaum zum Anlaß nehmen würden, ihre ohnehin recht beachtlichen Sätze noch einmal aufzustocken. Im Zweifel war die Börse lediglich bei den Montangesellschaften, von denen einige im vergangenen Geschäftsjahr ihre Dividende gesenkt hatten. Die Hoffnungen, daß die Kürzungen rückgängig gemacht würden, erschienen nicht unberechtigt, weil sich die Lage bei den Eisen- und Stahlfirmen inzwischen gewandelt hat, wenn auch noch nicht ganz so stark, wie es sich die Firmenleitungen wünschen. Immerhin erinnerte man sich an der Börse, daß früher gerade bei den Montanunternehmen viel von Dividendenkontinuität die Rede war, die aber bei einigen Gesellschaften fallengelassen wurde, als sich die Gewinne verringerten.

Die Bilanzen für 1964 werden vermutlich im Zeichen einer ausgeprägten Rücklagenbildung stehen. Wohlmeinende Leute, die mit Recht eine scharfe Kritik der Kleinaktionäre auf den kommenden Hauptversammlungen befürchten, versuchen schon jetzt, eine möglichst plausible Begründung für die Thesaurierungspölitik zu liefern. Einmal heißt es in diesem Zusammenhang, im Wahljahr könne man unmöglich mit einer Serie von Dividendenerhöhungen aufwarten, denn dann gäbe man dem sozialen Neidkomplex unnötig neue Nahrung.

Selbstverständlich sind optisch hohe Dividendensätze heutzutage ein Politikum. Deshalb scheinen auch bei einigen Vorständen die Bestrebungen dahinzugehen, den Aktionären über die Gewährung günstiger Bezugsrechte "einen Bonbon" zukommen zu lassen. Andere Dividenden-Strategen wollen wissen, daß das Jahr 1964 deshalb zum Jahr der Rücklagen werden müsse, weil das neue Aktiengesetz in der Rücklagenbildung einschneidende Beschränkungen bringen wird und man vor seinem Inkrafttreten noch die verbleibende "Galgenfrist" nutzen wolle.

Dieses Argument ist ebenfalls nicht überzeugend, denn auch nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes können Rücklagen nach wie vor in beliebiger Höhe gebildet werden, allerdings braucht die Verwaltung von einer bestimmten Höhe an künftig die Genehmigung der Hauptversammlung. Solange das Depotstimmrecht in seiner heutigen Form weiter besteht, wird aber kaum eine Hauptversammlung anders beschließen, als es die Verwaltung wünscht. Kommt es allerdings zu einer Änderung der Stimmrechtsvertretung in der Hauptversammlung und können sich auf den Versammlungen Zufallsmehrheiten bilden, wird es für die Verwaltungen schwieriger. Kein Wunder also, wenn hinter den Kulissen um diesen Komplex noch hart gerungen wird.

Das in der Vorwoche wieder größere Angebot an den Börsen ist nicht nur auf die Dividendenverstimmung und "Sozialisierungsfurcht" zurückzuführen, sondern ebenso auf die wiedererwachte Aktivität der Bundesregierung, nun doch noch die 25prozentige Kapitalertragsteuer auf den Rentenbesitz "Gebietsfremder" durchzusetzen. Wenn auch die Ausländer in erster Linie deutsche festverzinsliche Papiere zurückgaben, so griff die "Verstimmung" schließlich auf den gesamten deutschen Wertpapiermarkt über. Bei den Renten kam es sogar soweit, daß einige neuere 6prozentige Postanleihen zu 97 3/4 Prozent gehandelt wurden, während zum gleichen Zeitpunkt der Bund seine neue 6prozentige Anleihe mit 98 Prozent offerierte. Kein privater Emittent könnte sich eine solche Kurspolitik leisten. Die meisten dem Bundeskonsortium angehörenden Banken sind über die Schuldnermoral des Bundes verschnupft, aber niemand wagt öffentlich zu protestieren, um der Konsortialquote, die in guten Zeiten eine Pfründe darstellt, nicht verlustig zu gehen.