Eine Frau verliert ihren Mann – mehr: Sie verliert ihn, in ihrer Vorstellung, schon viele Male vor seinem Tod. Denn sie weiß, daß jeder Tag für ihn der letzte sein kann. In dem Augenblick, da man ihr die furchtbare, keine Hoffnung zulassende Nachricht mitteilt, ist ihr Entschluß gefaßt: Sie wird dieses Wissen für sich behalten, damit er sich seine glückliche Ahnungslosigkeit bis ans Ende bewahren kann. Damit sind die wenigen Tage, die ihnen beiden noch bleiben, nicht nur von Verzweiflung und Wahnsinn überschattet, sondern auch von der Lüge.

Das allein, und die Schrecken und Ängste, die den Tod unter solchen Umständen begleiten, ist der Inhalt von

Anne Philipe: „Nur einen Seufzer lang“ (Originaltitel: „Le temps d’un soupir“); Rowohlt Verlag, Reinbek; 127 S., 9,80 DM.

Dieses Buch mit einem schlimmen deutschen Titel berichtet nicht über Leben und Tod des von vielen geliebten Schauspielers Gérard Philipe. Man erfährt nicht einmal ausdrücklich, daß er der Todgeweihte ist. Die einzige biographische Andeutung ist die Erinnerung an ein Landhaus bei Paris, in dem die beiden mit ihren Kindern glücklich waren. Es ist dies kein Erinnerungsbesuch der Witwe eines berühmten Mannes.

Es ist eine Totenklage. Aber nicht nur Klage, sondern vor allem Auflehnung. Eine verzweifelte Frau versucht, ihren Schmerz zu zähmen, ihn in ihre Gewalt zu bekommen, indem sie ihn objektiviert, ihn in allen seinen Windungen mit Genauigkeit und Nüchternheit untersucht.

Literatur ist dieses Buch nicht. Die Beschreibung der Ängste, die ein vom Tod bedrohter Alltag birgt, ist keine Fiktion: das Schaufenster eines Bestattungsinstitutes, ein Miniatur-Totenschädel, den ein Mädchen in der Metro an einer Kette um den Hals trägt, der Anblick frisch geschlachteter Tiere – während man den anderen ahnungslos zum Tode verurteilt weiß. Oder die Gegenstände, die ein Mensch zurückläßt und deren einstige banale Selbstverständlichkeit vielleicht später gerade den Anstoß zur Verzweiflung gibt. „Wohin mit einer Zahnbürste, einem Rasiermesser, einer Flasche Eau de Cologne, einem Pullover, die von nun an unnütz waren?“ Diese nüchterne Feststellung berührt den Leser um so sicherer und empfindlicher, als sie ohne alle Vokabeln des Entsetzens auskommt.

Dies ist der eine und ganz eindeutige Aspekt des Buches. Der andere: Eine Frau hat ihren Mann verloren, mit dem sie in innigster Vertrautheit gelebt hat. Ihren Schmerz, ihre Verzweiflung über seinen Tod teilt sie der Welt mit. Ist ein Mensch glaubwürdig, der sich in dieser Situation in die Öffentlichkeit begibt, der sich mit einem Buch literarischer Kritik aussetzt? Oder verbietet die Ehrfurcht vor dem Ausdruck menschlichen Schmerzes jede Kritik?