FÜR Leser, die Goethes Zeit von einer ganz anderen Seite kennenlernen möchten:

„Der deutsche Gil Blas“, eingeführt von Goethe, oder: Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers, von ihm selbst verfaßt; Die Fundgrube, Winkler-Verlag, München; 247 S., 9,80 DM.

ES ENTHÄLT den vollständigen, auf Goethes Fürsprache 1822 zum erstenmal gedruckten Text der Lebenserinnerungen eines einfachen Mannes, des „vagirenden Bedienten“ Johann Christoph Sachse (1762–1822), der das Pech hatte, nicht zu den Privilegierten zu gehören und von den Wechselfällen seines Glücks jahrzehntelang in den deutschen Landen herumgetrieben zu werden, kreuz und quer von Gotha nach Ratzeburg, von Dresden nach Straßburg, bis er endlich als Bibliotheksdiener in Weimar seine Ruhe und in Goethe einen mächtigen Gönner fand. Den Band (einen der ersten aus einer neuen, vielversprechenden Reihe des Winkler-Verlages) eröffnet Goethes Vorwort, ein Nachwort von Wulf Segebrecht beschließt ihn.

ES GEFÄLLT einmal als ein lebendiges Kapitel deutscher Kulturgeschichte. Es gefällt aber auch, weil es dazu anregt, unsere Ferne zur Goethe-Zeit zu bedenken und damit sowohl die seine als auch die unsere besser zu verstehen. Wir müssen feststellen, daß uns Goethes ständisches Selbstbewußtsein völlig abhandengekommen ist, welches ihm erlaubte, Sachses Leben und Leiden als die kuriose Eigentümlichkeit eines untergeordneten Menschenschlages zu betrachten. Vor allem aber dürfte folgender – zentrale – Satz Goethes in seiner Anwendung auf das hier ausgebreitete Menschenschicksal heute Widerspruch herausfordern: .. man glaubt doch zuletzt eine moralische Weltordnung zu erblicken, welche Mittel und Wege kennt, einen im Grunde guten, fähigen, rührigen, ja unruhigen Menschen auf diesen Erdenräumen zu beschäftigen, zu prüfen, zu ernähren, zu erhalten, ihn zuletzt durch Ausbildung zu beschwichtigen und mit einer geringen Ruhestelle für seine Leiden zu entschädigen.“ Eine moralische Weltordnung: Weil dieser Mann von seinem Vater nicht ganz zu Tode geprügelt wurde? Weil es ihm gelang, doch immer wieder noch irgendeine Arbeit zu finden und nicht gänzlich zu verhungern? Weil er seine zaghafte Selbstachtung mit Mühe und Not verteidigen konnte? Weil seine verschiedenen Herren ihn nur bis an die Grenze des Möglichen ausnutzten? Solche klassische Zuversicht zu teilen, will heute nicht ohne Grund schwerfallen. D. E. Z.