Einer der ersten „artists in residence“, die dank der Ford-Stiftung ein Jahr in Berlin verbringen konnten, war der französische Schriftsteller Michel Butor. Der folgende Text zeigt, daß bei ihm von „Beziehungslosigkeit“ nicht die Rede sein kann, daß er im Gegenteil seinen Aufenthalt zu nutzen wußte. Er bildet die Einleitung zu einem Berlin-Bildband des Photographen Bernard Larsson, der im November im Nannen-Verlag, Hamburg, erscheinen soll. Sie, der Sie nicht aus Berlin sind, besuchen Sie

Berlin, denn Berlin ist diese Reise wert; Sie können dort Leute sehen, die nach Berlin kommen, weil sie von seinen Denkmälern angelockt werden, seinen Denkmälern aus anderen Zeiten, zerstört von unserer Zeit, emporragend aus dem Eisengewirr unserer Zeit, Leute, die sich von einem Berlin ins andere begeben

(denn Berlin ist schließlich eine ganze Stadt), in Touristenbussen, in Militärfahrzeugen oder zivilen Personenwagen, die über die gerillten Betonfahrbahnen mit den großen trägen Pfützen rollen, in denen sich Pfosten, Mauern und Palisaden spiegeln, der milchige Himmel und Autos, deren Räder jene bespritzen, die sich zu Fuß, die Hände in den Taschen vergraben, oder mit Gepäck beladen, das lange kontrolliert werden wird, etwas besorgt dieser Schranke nähern, die sich soeben für einen andern gehoben und sich schon wieder geschlossen hat, die für sie sich abermals heben und nach ihrem Hindurchgehen mit einem dumpfen metallischen Schlag wieder schließen wird;

sowie jene, die nicht hinübergehen können, die sich dieser Grenze am Ende der Straße nähern, Felswand, die plötzlich eines Nachts in ihrer Straße emporgewachsen ist, jene, die seit Jahren ihren Augen nicht trauen, nun langsamer gehen und stehenbleiben; und jene, die sich daran gewöhnt, die das Berlitt von früher nie gekannt haben, weder das der tollen Jahre noch das der kranken entsetzlichen Jahre und nicht einmal das Jahr des Hungers, jene, für die diese Straße niemals weiter geführt hat, die niemals gesehen haben, was sich auf der anderen Seite befindet, die natürlich auch an diese andere Seite denken, von ihr träumen, doch wie von einer anderen Welt, für die die Welt an dieser Mauer aufhört und die, wenn sie sich diesem Teil der Welt nähern, in ihrer Muße ihre Kurven ausgezeichnet zu nehmen verstehen, in ihren Träumen von Geschwindigkeiten, von Reisen und Überschreitungen von Grenzen, denen der Raum auf der anderen Seite plötzlich undurchdringlich erscheint, als wären dieses milchige Blau, diese oberen Teile der wahrzunehmenden Bilder auf Eisen gemalt;

sowie die Berliner von früher, die seit Jahren, vielleicht seit dem Krieg, nicht mehr in ihre Stadt zurückgekehrt sind und nun die Orte ihrer vergangenen Freuden wiederzuerkennen suchen, ihrer Freuden als Kinder, als Verliebte, die durch Zaunlücken forschend von Gestrüpp überwucherte Gärten betrachten, verfallene Terrassen, geborstene Schalen, mit Laubschlamm gefüllte Becken, zerbröckelnde Balustraden, die auf verlassene Straßen führen, über die leise hin und wieder ein schwarzes suchendes Auto rollt, die steinerne Gärtnerin von einst, die mit ihren riesigen Augen auf die Verwüstung blickt;

umherstreifende Gruppen heutiger Menschen, hier und da, plötzliche Ansammlungen von Leuten, die von anderswoher gekommen sind, vor Anschlagtafeln, festlichen Veranstaltungen, Emblemen,

und die Berühmtheiten von einst und von heute, die kommen und wiederkommen, Regisseure in gestreiften Hosen, Schriftsteller mit Bärten, Professoren mit vibrierenden Händen, mit Aktentaschen und Zigaretten;