Glarisegg, Anfang Oktober

Der Blick über den leuchtenden See nach Osten, dorthin, wo man Konstanz und die Reichenau ahnt, hat fast etwas Oberitalienisches. Aber das gegenüberliegende hügelige Ufer korrigiert die Phantasie: wir sind diesseits der Alpen, am Bodensee, an jenem schmalen Südzipfel, den der große Reisestrom meidet, am "Untersee". Ich will nicht sagen, daß es jungfräuliche Gestade sind, die ihn säumen, unbesiedelt und ohne Verkehr. Aber das Land hat, wie fast alles in der Schweiz, sein Maß, eine unzerstörte Harmonie: kleine, weiße Motorboote, die den See diagonal befahren, die eingleisige Bahnstrecke Kreuzlingen-Schaffhausen dahinter, eine gute Landstraße, die über dem Ufer und durch die freundlichen Ortschaften führt.

"Es ist ein Klang und es ist ein Bild. Die Glarisegger Landschaft: Erde, Wasser, Himmel, durch alle Stunden des Tages und der Nacht und durch die Jahreszeiten hindurch; man frage sich einmal, welche Menschen man in eine solcherart geliebte Landschaft der Kindheit gern hineindenken möchte und welche man im Geist daraus vertreiben würde. Austreibung aus dem Paradies."

Das Glarisegg, das Carl J. Burckhardt hier in seinem kleinen Manesse-Band "Begegnungen" nennt, ist eigentlich keine Ortschaft, sondern ein Schloß bei Steckborn, ein Landschulheim heute wie damals, als Burckhardt es besuchte.

Dazu zählt unten am See ein Hotel in einem komfortablen und gemütlichen Gemäuer, das einige Jahrhunderte erlebt hat und uralte Schankrechte besitzt. Manchmal, wenn wir gesättigt sind von den glanzvollen Erlebnissen draußen in der Welt, kehrt die Phantasie zurück zu einem solchen Erdenfleck: Pappeln über klarem Wasser, dahinter ein stiller Badeplatz auf einer Wiese mit Apfelbäumen, ein. hölzerner Landesteg, ein Wirtsgarten mit dem Blick über den See und dem leisen Glucksen der verankerten Segelboote.

Am Wochenende wählen die Ostschweizer das Hotel gern für Hochzeiten und Gesellschaftsausflüge. Dann erfüllt das Ufer eine bedächtige Fröhlichkeit, und die kräftigen Kellnerinnen kommen nicht zur Ruhe. Aber an den Wochentagen gehört Glarisegg den Pensionsgästen. Der nächste Ort in Richtung Schaffhausen heißt Mammern, ein reizender Ferienort mit einem ländlichen Schloß, das zur Kuranstalt (für innere Krankheiten) umgebaut wurde. Ein Park mit alten Bäumen unmittelbar am Seeufer und eine Barockkapelle gehören dazu: Wohltuende Umgebung für Menschen, die Heilung suchen.

Mammern ist der letzte Ort am schmaler werdenden See, bevor ihn der Rhein bei dem mittelalterlichen Städtchen Stein verläßt. Er ist hier noch ein junger, kraftvoller Fluß, beiderseits von Wäldern gesäumt, die herabhängenden Zweige streifen das grüne Wasser, und den Schwimmer trägt die rasche Flut mit wenigen Stößen dahin. Die Grenzziehung ist oft schwer erkennbar: mal ist es schweizerisches, mal deutsches Ufer, Enklaven hüben und drüben, aber sehr streng wird das nicht mehr genommen, an der "Schiffslände" fragen die Zöllner mehr der Form halber die Leute, die das Boot verlassen, nach Waren.