Wird Kölns Dirnengasse verschwinden?

Köln

Wer in Köln die „Brinkgasse“ erwähnt, gibt damit das Stichwort für handfeste Männerwitze, die schallend belacht werden. Den Kölner Stadtvätern freilich ist das Lachen vergangen, und wenn der Name dieser Straße genannt wird, verdüstern sich ihre Mienen. Ihr Ärger begann, als die Stadt Köln die idyllisch am Rhein gelegene Nächelsgasse, Arbeits- und Wohnstatt der Damen vom leichten (seit neuestem allerdings steuerpflichtigen) Gewerbe entvölkerte; dort sollte ein „familiengerechtes“ Wohnviertel erstehen. Die 14 Anstoß erregenden Häuser wurden von ihren Insassinnen auch ohne Hader geräumt; 89 wohnungslos gewordene Damen lenkten ihre Autos gen Aachen und Düsseldorf oder suchten Asyl bei den Kolleginnen der Brinkgasse. Nur eine nahm’s als höhere Fügung, wechselte den Beruf und eröffnete mit ihrem ersparten Geld (sie verdiente angeblich 300 bis 600 Mark am Tag) einen Salon als Putzmacherin.

Die Kleine Brinkgasse aber, seit mehr als 200 Jahren dem edlen Zwecke geweiht, zahlungsfähige männliche Gäste von ihrem Überfluß an Kapital und Energie zu befreien, hat ihre Not, des neuen Zustroms Herr zu werden. Immerhin hat man errechnet, daß die 89 Bewohnerinnen pro Monat von 20 000 bis 30 000 Gästen besucht wurden. Die Zahl mag etwas zu hoch gegriffen sein, sie läßt indes ahnen, welche Probleme jetzt, nachdem in der Nächelsgasse die Moral gesiegt hat, in der Kleinen Brinkgasse gemeistert werden müssen. Überhaupt ist es seit langem in der Kleinen Brinkgasse nicht mehr so wie früher. Das brachten zwei offene Briefe ans Tageslicht; 13 Mitglieder des Pfarrausschusses von St. Aposteln, an ihrer Spitze Prälat Professor Schnitzler, und eine Abordnung von 162 Bürgern der Innenstadt schrieben an alle zuständigen Behörden: „Die Zustände in der Umgebung der Kleinen Brinkgasse sind unerträglich!“

Gestörte Nachtruhe

Zwar ist die Kleine Brinkgasse auf der einen Seite durch eine Mauer von der belebten Ehrenstraße getrennt und mündet auf der anderen Seite in eine kaum bewohnte Straße, aber das ist nur ein kleiner Trost für die honorigen Bürger, die in der Nähe der Gasse wohnen. Sie werden in ihrer Nachtruhe empfindlich gestört. Aus den Autos, die vor ihren Häusern parken – die Kennzeichen beweisen, daß die Etablissements auch in Mönchen-Gladbach und Neuß renommiert sind – dudelt Radiomusik. Starten die Autos, dann geschieht es mit laut aufheulendem Motor. Das neugeweckte männliche Selbstbewußtsein ihrer Besitzer äußert sich sehr geräuschvoll. Falls die Gäste aber verweilen, tun sie oft Dinge, die der Anwohner nur mit Empörung zur Kenntnis nimmt. Ein lautstarkes Wortgeplänkel artet plötzlich in eine blutige Schlägerei aus. Mancherlei seltsame Souvenirs von Liebeshandel und Liebeshändeln bleiben zurück. Nicht nur in der Kleinen Brinkgasse, sondern eben auch in den Straßen der Nachbarschaft.

Der Zorn der Gerechten