Das ehemalige Kölner Prostituiertenviertel breitet sich aus. Wer hätte gedacht, daß die Benesisstraße, in der unser Altbundeskanzler Adenauer sich als kleiner Junge unangefochten tummeln konnte, daß die Große Brinkgasse, Wohnsitz der ehrbaren Familie Burauen, deren Sohn seit Jahren amtierender Oberbürgermeister von Köln ist, je in den Verdacht kommen würden, Prostituierten- und Ganovenstraßen zu werden?

Kein Wunder, daß die Bewohner der Innenstadt vom Zorn der Gerechten erfüllt sind. Wenn der Hausherr der über 1000 Jahre alten St. Apostelkirche, Prälat Schnitzler, erzählt, daß er zu nächtlichen Versehgängen nicht gehen kann, ohne angepöbelt zu werden, wenn er klagt, daß Kinder des Nachts ihres Schlafes beraubt, am Tage durch eine besondere Art von Anschauungsunterricht gefährdet werden, wenn er darauf hinweist, daß neue Etablissements, als Pension getarnt, sich in der Nähe auftun, und Lokale, in denen emsig Zubringerdienste geleistet werden, so kann man seinen Zorn wohl verstehen. Der Prälat hat allen Grund dazu. Dennoch hat noch niemand auf seinen Beschwerdebrief geantwortet. Weder der Herr Polizeipräsident, noch das Amt für öffentliche Ordnung und Verkehr, noch der Rat der Stadt Köln.

Die Bürger hatten in ihrem Beschwerdebrief zunächst nur gefordert, man möge durch verstärkten Einsatz von Polizeistreifen und durch Parkverbote verhindern, daß die Prostituierten in die Anliegerviertel ausschwärmen. Als aber einem Abgeordneten der SPD der Satz entschlüpfte: "Wir können euch nur helfen, wenn wir die Kleine Brinkgasse aufkaufen und räumen", da war das Stichwort gefallen. Soweit hatten die Bürger gar nicht gehen wollen; jetzt aber forderten sie, wo es nun mal gesagt war, "mit Nachdruck die Beseitigung der Dirnenhäuser".

Allerdings, Köln ohne die flotten Mädchen – das meinen eigentlich alle, die etwas davon verstehen – ist denn doch eine Utopie. Schließlich hatte die Colonia Agrippinensis bereits im 12. Jahrhundert Dirnenviertel, zu denen allerdings nur Getaufte Zutritt hatten.

"Konzentrieren und kasernieren" scheint die einzige Lösung zu sein – "möglichst in einem Großbau", wenn es nach dem Wunsch des Polizeipräsidenten geht. Wie soll die Polizei sonst die Kontrolle behalten, wenn die Straßenprostitution sich noch weiter ausbreitet? Immerhin schätzt man, daß es in Köln neben 800 registrierten, 4200 "unkontrollierte" Dirnen gibt, die erfahrungsgemäß viel engere Beziehungen zum kriminellen Zuhältertum unterhalten. Er hat ohnehin Sorgen genug, der Herr Polizeipräsident, in der Stadt mit der höchsten Kriminellenziffer, den meisten Gastarbeitern und einer Polizei, die über weniger Beamte verfügt als 1939.

Aber mit dem Kasernieren ist das auch so eine Sache, denn – so erklärt Dr. Schäfer vom Amt für öffentliche Ordnung und Verkehr – nach dem 5. Strafrechtsänderungsgesetz vom 24. 6. 1960, Artikel 2, dürfen Prostituierten keine Wohnungsbeschränkungen auferlegt werden. Und gewerbsmäßige Unzucht "an sich" ist auch nicht strafbar. Wer sollte denn auch solche "Kaserne der Freude" erstellen? Die Stadt doch wohl nicht! Offiziell wenigstens nicht. Es müssen also zahlungskräftige Kavaliere heran, die auf einen Wink aktiv werden. Aber wohin mit dem Bau? Niemand will ja ein solches Haus in seiner Nähe haben! "Das ist meist reine Heuchelei", sagt die energische Stadtverordnete Kühn, "denn die das für ihre Wohngebiete ablehnen, sind häufig die gleichen Männer, die solche Etablissements besuchen."

Freiwillige Selbstkontrolle?

Inzwischen haben es die Damen von der Brinkgasse mit der Angst zu tun bekommen. Sie haben einen Anwalt, der seinen Namen freilich nicht genannt wissen will, mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betraut. Als ihr Parlamentär hat er – bildlich gesprochen – vor der Trutzburg des Ordnungsamtes an der Herkulesstraße die weiße Fahne gehißt: In freiwilliger Selbstkontrolle sozusagen, wollen die Damen Punkt 24.00 Uhr ihre Tore schließen, für die morgendliche Straßenreinigung einen bezahlten Putzmann bestellen und außerdem selber für mehr Ruhe auf der Straße sorgen. Im Ordnungsamt bleibt man skeptisch; denn nach wie vor können die Anwohner der Brinkgasse nachts kein Auge zu tun, und die Geschäftsleute müssen zu früher Morgenstunde mit Putzeimer und Schrubber ihre Fassaden vom nächtlichen Unrat säubern. Sie überlegen, ob sie ihr Geschäft nicht in eine andere Gegend verlegen sollen. Denn wenn nicht bald für Ordnung und Ruhe gesorgt wird, bleibt den Bürgern nur noch die Flucht. Magda Gatter