Von Albert Camus

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde ein Mörder wegen eines ungewöhnlich scheußlichen Verbrechens (er hatte eine ganze Bauernfamilie, Eltern und Kinder, umgebracht) in Algier zum Tode verurteilt. Es handelte sich um einen Landarbeiter, der in einer Art Blutrausch getötet hatte, dessen Fall jedoch durch den Umstand erschwert wurde, daß er seine Opfer außerdem bestahl. Der Prozeß erregte großes Aufsehen. Die Öffentlichkeit war der Meinung, daß für ein solches Ungeheuer selbst die Enthauptung eine zu milde Strafe sei.

Dies war auch, wie mir versichert wurde, die Ansicht meines Vaters, den insbesondere die Ermordung der Kinder empört hatte. Jedenfalls gehört zu dem wenigen, das ich von ihm weiß, die Tatsache, daß er zum erstenmal in seinem Leben beschloß, einer Hinrichtung beizuwohnen. Er stand mitten in der Nacht auf, um sich mit vielen anderen Leuten zusammen ans andere Ende der Stadt auf den Richtplatz zu begeben. Was er an jenem Morgen sah, erzählte er keinem Menschen, Meine Mutter berichtet nur, daß er mit verstörtem Gesicht überstürzt nach Hause kam, sich ohne ein Wort der Erklärung einen Augenblick auf sein Bett legte und sich plötzlich erbrach. Er hatte eben die Wirklichkeit entdeckt, die sich hinter den hochtrabenden, bemäntelnden Redensarten verbarg.

Wenn die Vollstreckung des Rechts dem ehrbaren Bürger, zu dessen Schutz es da ist, nur Übelkeit bereitet, kann schwerlich behauptet werden, sie sei dazu angetan, ihrer eigentlichen Aufgabe getreu mehr Frieden und Ordnung in das Gemeinwesen zu bringen. Es wird im Gegenteil deutlich, daß sie genauso empörend ist wie das Verbrechen und daß dieser weitere Mord die der Gesellschaft zugefügte Beleidigung nicht nur nicht wiedergutmacht, sondern durch eine neue Schmach verschärft.

In unserer überfeinerten Gesellschaft erkennen wir die Schwere einer Krankheit daran, daß wir uns nicht getrauen, ohne Umschweife davon zu sprechen. In bürgerlichen Kreisen war es lange Zeit Sitte, höchstens zu sagen, die älteste Tochter sei schwach auf der Brust oder der Vater leide an einem Geschwür, weil Tuberkulose und Krebs als leicht ehrenrührige Krankheiten betrachtet wurden. Auf die Todesstrafe trifft diese Feststellung gewiß noch besser zu, da stets nur in beschönigenden Redensarten davon gesprochen wird. Sie bedeutet für den Staatskörper das gleiche wie der Krebs für den Einzelmenscien, mit dem einzigen Unterschied, daß es noch niemand eingefallen ist, den Krebs als notwendig hinzustellen.

Ich persönlich halte die Todesstrafe nicht nur für unnütz, sondern für zutiefst schädlich. Ich teile restlos Arthur Koestlers Überzeugung: Die Todesstrafe ist ein Schandfleck unserer Gesellschaft, und ihre Befürworter können sie mit keinerlei Vernunftgründen rechtfertigen.

Die Anhänger der Todesstrafe führen bekanntlich als Hauptargument an, mit dieser Strafe werde ein Exempel statuiert. Die Köpfe würden nicht nur abgehauen, um ihre Inhaber zu bestrafen, sondern ebensosehr, um allfällige Nachahmer durch eine entsetzliche Warnung abzuschrecken. Die Gesellschaft nehme keine Rache, sie wolle bloß vorbeugen. Sie drohe mit dem abgehackten Kopf, damit die Mordanwärter ihr Schicksal erkennen und von ihrem Vorhaben ablassen.

Dieses Argument könnte wohl beeindrucken, wenn wir nicht feststellen müßten, daß

1. die Gesellschaft selber nicht an das Exempel glaubt;

2. nichts beweist, daß die Todesstrafe auch nur einen einzigen zum Mord entschlossenen Menschen von seinem Vorhaben abgebracht hätte, während sie offenkundig auf Tausende von Verbrechern gar keine oder höchstens eine faszinierende Wirkung ausgeübt hat;

3. die Todesstrafe in anderer Hinsicht ein widerliches Beispiel darstellt, dessen Folgen unvorhersehbar sind.

Zunächst einmal glaubt die Gesellschaft selber nicht, was sie sagt. Wenn sie wirklich daran glaubte, würde sie die Köpfe zur Schau stellen. Dann ließe sie den Hinrichtungen den gleichen Aufwand an Reklame zuteil werden, mit dem für gewöhnlich Staatsanleihen oder ein neues Aperitif lanciert werden. Bekanntlich finden die Hinrichtungen bei uns jedoch nicht mehr in der Öffentlichkeit statt, sondern werden in den Gefängnishöfen in Gegenwart einer beschränkten Zahl von Spezialisten vollzogen.

Wie könnte der heimlich und zu nächtlicher Stunde in einem Gefängnishof verübte Mord als Warnung wirken? Wie sollte ein angehender Verbrecher sich im Augenblick seiner Tat der Strafe bewußt sein, wenn alles darauf angelegt ist, sie immer abstrakter zu gestalten? Und wenn wirklich die Absicht bestünde, ihm die Strafe jederzeit zu vergegenwärtigen, damit sie seinem wahnwitzigen Entschluß zunächst die Waage halte und ihn dann ändere, müßten dann nicht alle Mittel des Bildes und des Wortes eingesetzt werden, um die Strafe und ihre schreckliche Wirklichkeit allen Gemütern unauslöschlich einzuprägen?

Anstatt verschwommen von einer Schuld zu sprechen, die jemand eines Morgens der Gesellschaft bezahlt habe, sollte man diese wunderbare Gelegenheit beim Schopf fassen und jedem Steuerzahler in allen Einzelheiten vor Augen halten, was ihm bevorsteht. Anstatt ihm zu sagen: „Wenn du tötest, wirst du auf dem Schafott sühnen“, wäre es doch viel besser, ihm zur Veranschaulichung zu erklären: „Wenn du tötest, wirst du für Monate oder Jahre ins Gefängnis geworfen, wirst hin- und hergerissen zwischen unerträglicher Verzweiflung und ständig erneuertem Grauen, bis wir uns eines Morgens in deine Zelle schleichen, nicht ohne zuvor unsere Schuhe ausgezogen zu haben, um dich in deinem Schlaf zu überraschen, der dich nach den Qualen derdurchwachten Nacht bleiern niederdrückt. Wir werden uns auf dich stürzen, deine Handgelenke im Rücken zusammenbinden, deinen Hemdkragen und nötigenfalls auch deine Haare mit der Schere abschneiden. Immer auf Vervollkommnung bedacht, werden wir deine Arme mit einem Riemen fesseln, damit du gezwungen bist, deinen Rücken zu beugen und den Nacken darzubieten. Anschließend werden wir dich durch die Gänge schleppen, wobei du von zwei Gehilfen am Arm geführt wirst und deine Füße über den Boden schleifen. Dann endlich wird unter dem nächtlichen Himmel einer der Scharfrichter dich beim Hosenboden packen und waagrecht auf ein Brett werfen, während ein zweiter deinen Kopf in einen Ring einschließt und ein dritter aus einer Höhe von zwei Metern zwanzig ein sechzig Kilo schweres Beil herunterfallen läßt, das deinen Hals so glatt durchschneidet wie ein Rasiermesser.“

Einer, der genießerisch seinen Morgenkaffee trinkt und in der Zeitung liest, daß „der Gerechtigkeit Genüge“ getan worden sei, würde seinen Kaffee wieder von sich geben, erführe er auch nur die kleinste Einzelheit. Es ist in der Tat notwendig, entweder in aller Öffentlichkeit zu töten oder zuzugeben, daß man sich nicht berechtigt fühlt zu töten. Wenn die Gesellschaft die Todesstrafe durch die Notwendigkeit des Exempels rechtfertigt, muß sie sich selbst rechtfertigen, indem sie die Werbetrommel rührt. Sie muß die Hände des Scharfrichters jedesmal vorzeigen und nicht nur die zu zart besaiteten Bürger zwingen, sie anzusehen, sondern auch alle die Leute, die von nahe oder von ferne diesen Scharfrichter berufen haben. Andernfalls gesteht sie, daß sie tötet, ohne zu wissen, was sie sagt und tut, oder aber mit dem Wissen, daß diese widerlichen Zeremonien nicht abzuschrecken vermögen, sondern höchstens dazu angetan sind, Verbrechen zu wecken oder das Publikum in hilflose Verwirrung, zu stürzen.

Aber warum sollte die Gesellschaft denn an dieses Exempel glauben, da es das Verbrechen doch nicht verhindert und seine Wirkungen, sofern sie überhaupt vorhanden sind, unsichtbar bleiben? Die Todesstrafe kann weder den Menschen abschrecken, der nicht weiß, daß er töten wird, der sich plötzlich dazu entschließt und seine Tat unter dem Zwang einer fiebrigen Eingebung oder einer fixen Idee vorbereitet, noch den Menschen, der sich zu einer Aussprache begibt und eine Waffe mitnimmt, um den Gegner oder den Treubrüchigen einzuschüchtern, und sich ihrer schließlich bedient, obwohl er es nicht beabsichtigte oder nicht zu beabsichtigen glaubte. Kurzum, sie vermag den Menschen, der ins Verbrechen gerät wie ein anderer ins Unglück, nicht abzuschrecken. Das heißt, daß sie in der Mehrzahl der Fälle wirkungslos ist. Der Gerechtigkeit halber muß anerkannt werden, daß sie bei uns in solchen Fällen nur selten zur Anwendung kommt. Aber schon dieses „selten“ läßt einen erschauern.

Werden wenigstens jene Verbrecher abgeschreckt, die die Gesellschaft zu beeindrucken sucht und die vom Verbrechen leben? Nichts ist weniger gewiß. Wir können bei Arthur Koestler nachlesen, daß zur Zeit, da Taschendiebe in England noch hingerichtet wurden, andere Diebe ihre Fingerfertigkeit in der um den Galgen gedrängten Menge ausübten, während ihr Kollege gehängt wurde. Aus einer zu Anfang dieses Jahrhunderts in England aufgestellten Statistik geht hervor, daß von 250 Gehängten 170 zuvor selber einer oder zwei Hinrichtungen beigewohnt hatten. Noch im Jahr 1886 waren von 167 zum Tode Verurteilten, die im Gefängnis von Bristol gesessen hatten, 164 Zeuge mindestens einer Hinrichtung gewesen. Solche Statistiken lassen den Schluß zu, daß mein Vater am Tag jener Hinrichtung von einer beträchtlichen Anzahl künftiger Mörder umgeben war, die sich im Gegensatz zu ihm nicht erbrechen mußten. Die Abschreckung wirkt nur auf die Schreckhaften, die nicht zum Verbrechen bestimmt sind, und versagt gegenüber den Unbeirrbaren, die es gerade zu beirren galt.

Die Angst vor dem Tod ist eine unbestreitbare Tatsache, aber ebenso unbestreitbar ist, daß diese Angst, und mag sie noch so groß sein, noch nie stark genug war, um die Leidenschaften der Menschen einzudämmen. Bacon versichert mit Recht, keine Leidenschaft sei so schwach, daß sie nicht die Angst vor dem Tod auszuhalten und zu bezwingen vermöchte. Rache, Liebe, Ehre, Schmerz, eine andere Angst vermögen sie zu überwinden. Was die Liebe zu einem Menschen oder zu einem Land, was das unbändige Verlangen nach Freiheit vollbringt, wie sollten Habgier, Haß und Eifersucht es nicht vollbringen? Seit Jahrhunderten versucht die häufig mit grausamen Abgefeimtheiten verbundene Todesstrafe dem Verbrechen zu steuern; das Verbrechen jedoch lebt beharrlich weiter. Warum? Weil die im Menschen widerstreitenden Instinkte nicht, wie das Gesetz dies behauptet, stets gleichbleibende und im Gleichgewicht befindliche Kräfte sind. Es sind veränderliche Kräfte, die bald unterliegen, bald siegen, und deren unablässiger Widerstreit die Nahrung des geistigen Lebens bildet. Es kommt vor, daß eine der Seelenkräfte ihre Grenzen sprengt und schließlich das ganze Feld des Bewußtseins ausfüllt; kein Instinkt, nicht einmal der Lebenswille, vermag sich dann der Zwangsherrschaft zu widersetzen. Damit die Todesstrafe wirklich abschreckend wirkte, müßte die menschliche Natur anders geartet und genauso unwandelbar und abgeklärt sein wie das Gesetz selber. Aber dann wäre sie eine leblose Natur.

Das ist sie indessen nicht, und so kommt es, daß der Mörder sich im Augenblick seiner Tat zumeist unschuldig fühlt, so überraschend diese Feststellung für jemand klingen mag, der die menschliche Vielschichtigkeit nicht beobachtet und an sich selber erfahren hat. Jeder Verbrecher spricht sich frei, solange das Urteil nicht gefällt ist. Er glaubt sich zwar nicht im Recht, meint jedoch, daß die Umstände seine Tat entschuldigen. Er kennt weder Überlegung noch Voraussicht; wenn er aber überlegt, so nur, um vorauszusehen, daß er ganz oder teilweise von Schuld freigesprochen werden wird. Wie sollte er fürchten, was ihm höchst unwahrscheinlich vorkommt? Er wird den Tod nach dem Urteilsspruch fürchten, nicht vor dem Verbrechen. Um wirksam abzuschrecken, dürfte das Gesetz dem Mörder also nicht die geringste Chance lassen, es müßte von vornherein unerbittlich sein und insbesondere keine mildernden Umstände zubilligen. Wer aber wagte es bei uns, dies zu fordern?

Und selbst wenn dieser Forderung stattgegeben würde, wäre noch mit einem weiteren Paradox des menschlichen Wesens zu rechnen. Der Lebenswille ist zwar ein elementarer Instinkt, aber er ist nicht mächtiger als ein anderer, den die Schulpsychologie mit Stillschweigen übergeht: das Todesverlangen, das zu gewissen Stunden die Zerstörung seiner selbst und der anderen fordert. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der Wunsch, zu töten, sehr oft mit dem Wunsch, selber zu sterben oder sich zu vernichten, zusammenfällt. Jede Woche kann man in den Zeitungen von Verbrechern lesen, die anfänglich nicht wußten, ob sie sich selbst oder jemand anderen umbringen sollten. Dem Selbsterhaltungstrieb entspricht somit der mehr oder weniger stark ausgeprägte Zerstörungstrieb. Er allein vermag die zahlreichen Perversionen, vom Alkohol bis zum Rauschgift, zu erklären, von denen sich der Mensch wissentlich zugrunde richten läßt. Der Mensch will leben, aber es wäre eitel, zu hoffen, dieser Wille werde alle seine Handlungen bestimmen. Er begehrt auch, nichts zu sein, ihn verlangt nach dem Unwiderruflichen und nach dem Tod um des Todes willen. So kommt es vor, daß der Verbrecher nicht nur das Verbrechen will, sondern auch das damit verbundene Unglück, sogar und vor allem dann, wenn dieses Unglück jedes Maß übersteigt. Wenn dieser seltsame Wunsch wächst und alles beherrscht, wird die Aussicht auf den Straftod den Verbrecher nicht nur nicht zur Umkehr zwingen, sondern wahrscheinlich noch zu dem Taumel beitragen, der ihn ins Verderben reißt. Dann tötet er gewissermaßen, um zu sterben.

Diese Absonderlichkeiten erklären hinlänglich, daß eine anscheinend auf Abschreckung der normalen Gemüter berechnete Strafe in Wirklichkeit nicht das geringste mit der Durchschnittspsychologie zu tun hat. Die Statistiken aller Länder, ob sie die Todesstrafe abgeschafft haben oder nicht, erbringen ausnahmslos den Beweis, daß zwischen der Abschaffung der Todesstrafe und der Kriminalität kein Abhängigkeitsverhältnis besteht. So der Bericht des englischen Select Committee aus dem Jahre 1930 und der Königlichen Kommission, die diese Untersuchung kürzlich wiederaufgenommen hat: „Alle von uns geprüften Statistiken bestätigen, daß die Abschaffung der Todesstrafe keine Zunahme der Kriminalität nach sich gezogen hat.“ Die Zahl der Verbrechen nimmt weder zu noch ab. Es gibt die Guillotine, und es gibt das Verbrechen; zwischen ihnen besteht keine andere Verbindung als das Gesetz. Aus den langen Reihen der in den Statistiken aufgeführten Zahlen können wir nun folgenden Schluß ziehen: Jahrhundertelang sind auch andere Verbrechen als Morde mit dem Tode bestraft worden, und die so oft geübte Todesstrafe hat keines dieser Verbrechen aus der Welt schaffen können. Seit Jahrhunderten werden diese Verbrechen nicht mehr mit dem Tode bestraft. Dennoch hat ihre Zahl nicht zugenommen, und einige sind sogar zurückgegangen. In gleicher Weise ist der Mord jahrhundertelang mit dem Tode bestraft worden, ohne daß die Sippe Kains ausgestorben wäre. Und schließlich ist in den dreiunddreißig Ländern, die die Todesstrafe abgeschafft haben oder nicht mehr anwenden, die Zahl der Morde nicht gestiegen. Wer könnte daraus ableiten, daß die Todesstrafe wirklich abschreckend wirke?

Die Anhänger der Todesstrafe können diese Tatsachen und diese Zahlen nicht abstreiten. Ihre letzte und einzige Antwort ist bezeichnend und erklärt die widerspruchsvolle Einstellung einer Gesellschaft, die sorgsam die angeblich exemplarischen Hinrichtungen verbirgt. „Nichts beweist in der Tat“, so sagen diese Leute, „daß die Todesstrafe exemplarisch wirkt; es ist sogar sicher, daß Tausende von Mördern sich nicht haben abschrecken lassen. Aber wir können nicht wissen, wie viele Menschen sie abgeschreckt hat, und infolgedessen beweist auch nichts, daß sie nicht exemplarisch wirkt.“ Somit beruht die schwerste aller Strafen, die für den Verurteilten den äußersten Verlust mit sich bringt und der Gesellschaft das gewaltigste aller Vorrechte zuspricht, einzig und allein auf einer unüberprüfbaren Möglichkeit.

Will man also die Todesstrafe beibehalten, soll man uns wenigstens die Heuchelei einer Rechtfertigung durch das Exempel ersparen. Wir wollen sie bei ihrem Namen nennen, diese Strafe, von der kein Aufhebens gemacht wird, diese Abschreckung, die auf die anständigen Leute ohne Wirkung bleibt, solange sie anständig sind, sie fasziniert, wenn sie es nicht mehr sind, und die ihre Vollstrecker erniedrigt oder verdirbt. Gewiß, sie ist eine Strafe, eine entsetzliche, physische und moralische Qual. Exemplarisch ist sie jedoch nur in einer Hinsicht: der Sittenverderbnis. Sie bestraft, aber sie verhütet nichts, ja, sie ist viel eher dazu angetan, Mordgelüste wachzurufen. Es ist, als gäbe es sie nicht, außer für den der sie erleidet, zunächst seelisch während Monaten oder Jahren, und dann körperlich in jener verzweifelten und gewalttätigen Stunde, da er in zwei Stücke gehauen wird, ohne gleich das Leben zu verlieren. Wir wollen sie bei ihrem Namen nennen, einem Namen, der ihr in Ermangelung eines anderen Adels wenigstens den der Wahrheit verleihen wird, wir wollen sie als das erkennen, was sie ihrem Wesen nach ist: Rache.

Die Strafe, die züchtigt, ohne zu verhüten, heißt in der Tat Rache. Sie ist eine beinahe mathematische Antwort der Gesellschaft an den Übertreter ihres Grundgesetzes. Diese Antwort ist so alt wie die Menschheit: sie nennt sich Vergeltung. Wer mir Leid zugefügt hat, soll leiden; wer mir ein Auge ausgestochen hat, soll ein Auge verlieren; wer getötet hat, soll sterben. Es handelt sich dabei um ein Gefühl, und zwar um ein ausnehmend heftiges, nicht um einen Grundsatz. Die Vergeltung gehört in den Bereich der Natur und des Triebs, nicht in den des Gesetzes. Das Gesetz kann seinem Wesen nach nicht den gleichen Regeln gehorchen wie die Natur. Wenn der Mord in der Natur des Menschen liegt, ist das Gesetz nicht dazu da, diese Natur nachzuahmen. Es ist dazu da, sie zu bessern. Die Vergeltung aber beschränkte sich darauf, eine bloße Regung der Natur zu bestätigen und ihr Rechtskraft zu verleihen. Wir alle haben diese Regung oft zu unserer Schande empfunden, wir kennen ihre Macht: Sie stammt aus den Wäldern der Urzeit.

Können wir zumindest sagen, daß die Rechnung aufgeht und daß wenigstens diese elementare, auf die legale Rache beschränkte Gerechtigkeit durch die Todesstrafe gewahrt wird? Die Antwort lautet wiederum nein.

Wir wollen den Umstand beiseite lassen, daß das Gesetz der Vergeltung nicht durchführbar ist und daß es ebenso übertrieben wäre, den Brandstifter durch die Einäscherung seines Hauses zu bestrafen, wie unzulänglich, einen Dieb zu bestrafen, indem man sein Bankkonto mit der dem Diebstahl entsprechenden Summe belastet. Wir wollen einmal annehmen, daß es gerecht und notwendig sei, die Ermordung des Opfers durch den Tod des Mörders auszugleichen. Aber die Hinrichtung ist nicht einfach gleichbedeutend mit Tod. Sie ist ihrem Wesen nach vom Verlust des Lebens ebenso verschieden wie das Konzentrationslager vom Gefängnis. Sie ist unzweifelhaft ein Mord und bildet die mathematische Gegenleistung für den begangenen Mord. Aber sie verbindet den Tod mit einem zusätzlichen Reglement, mit einer unverhohlenen, dem zukünftigen Opfer bekannten Vorsätzlichkeit, kurzum mit einer Organisation, die für sich allein eine Quelle seelischen, den Tod an Schrecken weit übertreffenden Leidens darstellt. Von Gleichwertigkeit kann also keine Rede sein.

Wenn unsere Juristen von einem Tod ohne Leiden sprechen, wissen sie wiederum nicht, wovon sie reden, und vor allem gebricht es ihnen an Phantasie. Die qualvolle, erniedrigende Angst, die dem Verurteilten monate- oder jahrelang auferlegt wird, ist eine schlimmere Strafe als der Tod und wurde dem Opfer nicht auferlegt. Die Marter der Hoffnung wechselt mit den Schrecken animalischer Verzweiflung ab. Anwalt, Gefängnisgeistlicher und Wärter, die ersteren aus einfacher Menschlichkeit, die letzteren, damit der Verurteilte ruhig bleibt, versichern ihm einstimmig, er werde begnadigt. Er glaubt mit jeder Faser seines Wesens daran und dann wieder glaubt er es nicht mehr. Er hofft am Tag und verzweifelt des Nachts. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer werden Hoffnung und Verzweiflung, bis sie beide gleich unerträglich sind. Alle Zeugen berichten einstimmig, daß die Hautfarbe sich verändert, die Angst wie eine Säure wirkt. „Wissen, daß man sterben wird, ist nichts“, sagte ein Verurteilter im Gefängnis von Fresnes. „Nicht wissen, ob man leben wird, das ist das Grauen und die Qual.“

Im allgemeinen wird der Mensch, lange bevor er stirbt, durch das Warten auf die Hinrichtung vernichtet. Ein doppelter Tod wird ihm auferlegt, und der erste ist schlimmer als der zweite; er aber hat nur einmal getötet. Mit diesem Hochgericht verglichen wirkt selbst die Vergeltung wie ein zivilisiertes Gesetz. Sie wenigstens hat nie verlangt, man müsse einem Menschen, der seinen Bruder eines Auges beraubt hat, beide Augen ausstechen.

Niemand kann ein für allemal seinen Lohn erhalten, nicht einmal die Nobelpreisträger. Aber niemand sollte ein für allemal bestraft werden, wenn er für schuldig gehalten wird, und erst recht nicht, wenn er möglicherweise unschuldig ist. Die Todesstrafe, die weder dem Exempel noch dem Gefühl der Billigkeit wahrhaft gerecht wird, maßt sich zudem ein ungeheuerliches Vorrecht an, indem sie eine stets relative Schuld durch eine endgültige und nicht wiedergutzumachende Strafe sühnen will.

Die Todesstrafe bietet allerdings ein zweifelhaftes Exempel und verrät eine hinkende Gerechtigkeit, doch wirkt sie, und darin muß man ihren Verteidigern beipflichten, in der Tat eliminierend. Die Todesstrafe merzt den Verurteilten endgültig aus. Schon allein dieses Merkmal sollte, vor allem in den Augen ihrer Anhänger, die Wiederholung fragwürdiger Argumente ausschließen, die, wie wir gesehen haben, jederzeit angefochten werden können. Ehrlicher ist es, zu sagen, daß sie endgültig ist, weil sie es sein muß; zu versichern, daß gewisse Menschen nicht in die Gesellschaft eingegliedert werden können, daß sie für jeden Bürger und für die Gesellschaftsordnung eine ständige Gefahr bedeuten und daß sie demnach unverzüglich ausgemerzt werden müssen. Niemand kann bestreiten, daß es menschliche Raubtiere gibt, deren Beharrlichkeit und Roheit offenbar durch nichts gebrochen werden kann. Gewiß löst die Todesstrafe das von ihnen gestellte Problem nicht. Aber anerkennen wir zumindest, daß sie es beseitigt.

Aber trifft die Todesstrafe ausschließlich sie? Kann man uns mit Bestimmtheit sagen, daß keiner der Hingerichteten für die Gesellschaft zu retten gewesen wäre? Kann man auch nur schwören, daß keiner unschuldig ist? Muß man in diesen beiden Fällen nicht zugeben, daß die Todesstrafe nur insofern eliminierend wirkt, als sie eben unwiderruflich ist?

Der Jurist D’Olivecroix, der um 1860 die Möglichkeit eines Justizirrtums mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu ermitteln suchte, kam zu dem Ergebnis, daß auf rund 257 Fälle ein Angeklagter komme, der unschuldig verurteilt wird. Das sei wenig? Gewiß, im Hinblick auf die durchschnittlichen Strafen ist das Verhältnis bescheiden, im Hinblick auf die Todesstrafe jedoch ohne Maß. Man begreift, daß die Belgier nach einem Justizmord endgültig auf die Todesstrafe verzichtet haben und daß in England nach der Hayes-Affäre die Frage der Abschaffung aufgeworfen wurde.

Man versteht auch die Schlußfolgerungen jenes Staatsanwaltes, der zur Beratung eines Gnadengesuches hinzugezogen wurde und schrieb: „Wenn X am Leben bleibt, haben die Behörden die Möglichkeit, mit Ruhe und Gründlichkeit jedes neue Indiz zu prüfen, das später einmal darauf hinweisen könnte, daß seine Frau noch am Leben ist... Umgekehrt würde die Vollstreckung der Todesstrafe diese hypothetische Untersuchungsmöglichkeit zunichte machen und, wie ich befürchte, dem kleinsten Indiz einen theoretischen Wert verleihen und ein überaus mächtiges Gefühl der Reue wecken, dessen Entstehen ich für unzweckmäßig halte.“ Die Liebe zur Gerechtigkeit und zur Wahrheit äußert sich hier auf ergreifende Art, und es wäre nicht fehl am Platz, vor unseren Schwurgerichten immer wieder auf jenes „mächtige Gefühl der Reue“ hinzuweisen, weil es so deutlich die Gefahr benennt, der jeder Geschworene sich gegenübersieht. Denn wenn der Unschuldige einmal tot ist, vermag niemand mehr etwas für ihn, abgesehen von der Rehabilitierung, falls noch jemand da ist, der sie verlangt. Dann wird ihm die Unschuld zurückgegeben, die er in Wahrheit nie verloren hatte. Die Verfolgung jedoch, die er erdulden mußte, sein furchtbares Leiden und sein grauenvoller Tod sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Wahrscheinlich tröstet man sich mit der Überlegung, daß auch die Rechtsprechung nicht stehen bleibe, sondern Schritt halte mit der Entwicklung der Wissenschaft. Wenn der gelehrte Sachverständige vor einem Schwurgericht seinen Vortrag gehalten hat, könnte man meinen, ein Priester habe gesprochen, und die in der Religion der Wissenschaft erzogenen Geschworenen nicken andächtig Beifall. Dabei haben uns in letzter Zeit verschiedene Fälle, unter denen der Fall Besnard der wichtigste war, deutlich vor Augen geführt, was für eine Farce Sachverständigen-Gutachten sein können. Auch wenn die Schuld in einem Reagenzglas festgestellt wurde, und es wäre ein feingraduiertes, ist sie darum nicht eindeutiger bewiesen. Ein zweites Reagenzglas wird das Gegenteil aussagen, und in diesen gefährlichen Rechenkunststücken bewahrt die Gleichung der Persönlichkeit ihr ganzes Gewicht. Es gibt im Verhältnis etwa ebenso viele wirkliche Sachverständige unter den Wissenschaftlern, wie es psychologisch geschulte Richter gibt, und sie sind kaum zahlreicher als die ernsthaften objektiv urteilenden Schwurgerichte. Die Möglichkeit eines Irrtums bleibt nach wie vor bestehen.

Doch selbst wenn wir uns an die Schuldigen halten: sind wirklich immer nur Unverbesserliche hingerichtet worden? Alle, die wie ich eine Zeitlang gezwungen waren, Schwurgerichtsprozesse zu verfolgen, wissen, daß viel Zufälliges in einen Urteilsspruch hineinspielt, selbst in ein Todesurteil. Das Aussehen des Angeklagten; sein Vorleben (auch Geschworene, die ich nie für unbedingt treue Ehemänner gehalten hätte, betrachten einen Ehebruch als erschwerenden Umstand); seine Haltung (die sich nur günstig für ihn auswirkt, wenn sie konventionell, das heißt meistens gespielt ist); selbst seine Sprechweise (rückfällige Verbrecher wissen, daß sie weder stottern noch zu fließend reden dürfen); die gefühlsmäßig bewerteten Zwischenfälle bei der Verhandlung (leider ist das Echte nicht immer rührend) – das alles sind Zufälligkeiten, die den Entscheid des Gerichts beeinflussen.

Im Augenblick, da das Todesurteil gefällt wird, kann man sicher sein, daß es des Zusammentreffens vieler Ungewißheiten bedurft hat, um die gewisseste aller Strafen auszulösen. Wenn man weiß, daß das Todesurteil von der Art abhängt, wie das Gericht die mildernden Umstände bewertet, kann man sich vorstellen, welche Bedeutung die augenblickliche Laune der Geschworenen gewinnt. Die Taten, die durch die Todesstrafe zu ahnden sind, werden nicht mehr mit aller Genauigkeit vom Gesetz festgelegt, sondern von den Geschworenen nachträglich, nach eigenem Ermessen und von Fall zu Fall bestimmt. Da es keine zwei gleichen Geschworenengerichte gibt, wird hier ein Angeklagter hingerichtet, der anderswo mit dem Leben davongekommen wäre.

So ist eben die Gerechtigkeit der Menschen beschaffen, wird es heißen, und trotz all ihrer Mängel ist sie immer noch besser als die Willkür. Diese melancholische Betrachtungsweise ist jedoch nur in bezug auf die gewöhnlichen Strafen tragbar. Angesichts eines Todesurteils ist sie skandalös. In einem klassischen französischen Lehrbuch steht zur Entschuldigung der Tatsache, daß die Todesstrafe keine Nuancierung zuläßt: „Die menschliche Rechtsprechung hat keineswegs den Ehrgeiz, diese Abstufung zu gewährleisten. Warum? Weil sie um ihre Schwäche weiß.“

Wenn die Justiz weiß, daß sie unvollkommen ist, wäre es dann nicht angezeigt, daß sie Bescheidenheit übt und ihren Urteilssprüchen genug Spielraum läßt, damit ein etwaiger Irrtum gutgemacht werden kann? Sollte sie diese Schwäche, in der sie für sich selbst einen dauernd gültigen mildernden Umstand erblickt, nicht auch immer dem Verbrecher zugestehen? Kann ein Gericht tatsächlich sagen: „Wenn ich Sie irrtümlicherweise in den Tod schicke, so wollen Sie mir bitte in Anbetracht der unser aller Natur innewohnenden Schwäche verzeihen. Ich aber verurteile Sie ohne Rücksicht auf diese Schwäche und diese Natur zum Tode“?

Im Irrtum und in der Verblendung sind alle Menschen solidarisch. Darf diese Gemeinschaft dem Gericht zugute kommen, nicht aber dem Angeklagten? Nein. Und wenn die Gerechtigkeit einen Sinn hat auf dieser Welt, bedeutet sie nichts anderes als die Anerkennung dieser Solidarität; sie darf sich ihrem ureigensten Wesen nach nicht vom Mit-Leid trennen. Natürlich darf das Mit-Leid hier nur als das Gefühl eines gemeinsamen Leidens verstanden werden und nicht als eine leichtfertige Nachricht, die an das Leiden und die Rechte des Opfers überhaupt nicht denkt. Es schließt die Strafe nicht aus, aber es läßt die unwiderrufliche Verurteilung in der Schwebe. Es widersetzt sich der endgültigen, nicht wiedergutzumachenden Maßnahme, die dem ganzen Menschen Unrecht tut, da sie das Elend des Menschseins nicht in ihre Rechnung einbezieht.

Indessen gibt es Schwerverbrecher, die jedes Gericht überall und zu jeder Zeit verurteilen würde. Ihre Untaten sind unbestreitbar, und die von der Anklage beigebrachten Beweise decken sich mit den von der Verteidigung gemachten Geständnissen. Das Abnorme und Ungeheuerliche an ihnen verweist sie zweifellos bereits unter die pathologischen Erscheinungen. Viele dieser „Ungeheuer“ zeigen ein undurchdringliches Gesicht. Sie werden, einzig auf Grund ihrer Tat ausgemerzt. Offenbar verbietet die Art oder die Scheußlichkeit ihrer Verbrechen, an die Möglichkeit von Reue oder Besserung zu denken. Es gilt lediglich zu verhindern, daß sie rückfällig werden, und dafür gibt es keine andere Lösung als die Ausmerzung.

Einzig und allein auf dieser Scheidelinie ist die Diskussion um die Todesstrafe berechtigt. In allen übrigen Fällen halten die Argumente der Befürworter den Einwänden der Gegner nicht stand. Auf dieser Grenzlinie jedoch tritt infolge unserer Unwissenheit eine Wette an die Stelle der Gewißheit. Keine Tatsache und keine verstandesmäßige Überlegung vermag zu entscheiden, wer recht hat: die Leute, die glauben, es müsse auch dem unmenschlichsten der Menschen immer noch eine Chance gewährt werden, oder die anderen, die diese Chance für illusorisch halten. Aber vielleicht ist es möglich, auf dieser äußersten Grenze den alten Gegensatz zwischen Anhängern und Gegnern der Todesstrafe zu überwinden, indem man untersucht, welche Zweckmäßigkeit dieser Strafe heute und bei uns in Europa zukommt.

Zunächst die Logik. Einen Menschen zum Verlust seines Lebens verurteilen, heißt soviel wie bestimmen, daß dieser Mensch keinerlei Aussicht mehr hat, wiedergutzumachen. Das Recht zu leben, das eins ist mit der Möglichkeit wiedergutzumachen, ist das natürliche Recht eines jeden Menschen, selbst des verkommensten. Der gemeinste Verbrecher und der unbestechlichste Richter stehen da Seite an Seite gleich erbärmlich und solidarisch. Ohne dieses Recht ist das moralische Leben schlechthin unmöglich. Insbesondere hat keiner von uns das Recht, an einem einzigen Menschen zu verzweifeln, bis der Tod sein Leben in Schicksal verwandelt und dann ein endgültiges Urteil erlaubt. Aber das endgültige Schicksal vor dem Tod zu verkünden, eigenmächtig die Rechnung abzuschließen, solange der Schuldner noch unter den Lebenden weilt, steht keinem Menschen zu. Wer – zumindest in dieser Hinsicht – unbedingt richtet, verurteilt sich selber unbedingt.

Die sogenannte Aufklärung wollte die Todesstrafe abschaffen, weil der Mensch seinem Wesen nach gut sei. Natürlich ist er das nicht (er ist entweder schlechter oder besser). Die letzten zwanzig Jahre unserer Geschichte haben uns das gelehrt. Aber gerade weil er das nicht ist, kann sich keiner unter uns zum absoluten Richter aufwerfen und die endgültige Ausmerzung des schlimmsten aller Schuldigen beschließen, denn keiner unter uns kann Anspruch erheben auf absolute Unschuld. Die Todesstrafe zerstört die einzige unbestreitbare Solidarität der Menschen, die gemeinsame Front gegen den Tod, und sie kann nur durch eine Wahrheit oder einen Grundsatz gerechtfertigt werden, die über den Menschen stehen.

In Tat und Wahrheit ist die Todesstrafe durch die Jahrhunderte hindurch immer eine religiöse Strafe gewesen. Wenn sie im Namen des Königs verhängt wird, der Gott auf dieser Erde vertritt, oder von Priestern oder im Namen der als geheiligter Körper angesehenen Gesellschaft, dann zerstört sie nicht die menschliche Solidarität, sondern die Zugehörigkeit des Schuldigen zur göttlichen Gemeinschaft, die ihm allein das Leben schenken kann. Gewiß wird das irdische Leben ihm entzogen, aber die Möglichkeit der Wiedergutmachung wird ihm belassen. Das wahre Urteil wird nicht jetzt ausgesprochen, sondern erst im Jenseits. Die religiösen Werte, und insbesondere der Glaube an das ewige Leben, die ihrer eigenen Logik gemäß die Todesstrafe der Endgültigkeit und der Unwiderruflichkeit berauben, sind also die einzigen, die sie zu begründen vermögen. Die Todesstrafe ist dann nur in dem Maße gerechtfertigt, als sie eben nicht die höchste Strafe bedeutet.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele hat dem Katholizismus erlaubt, das Problem der Todesstrafe in einen ganz anderen Zusammenhang zu stellen und sie zu rechtfertigen. Aber was bedeutet diese Rechtfertigung in der Gesellschaft, in der wir leben und die in ihren Einrichtungen und in ihren Bräuchen des Charakters des Heiligen verlustig gegangen ist? Die Bekehrung durch das Feuer oder das Fallbeil wird immer etwas Verdächtiges haben, und man konnte annehmen, die Kirche habe darauf verzichtet, durch Terror über die Ungläubigen zu siegen. Auf jeden Fall hat die entheiligte Gesellschaft bei einer Bekehrung, an der sie zugegebenermaßen keinen Anteil nimmt, nichts zu gewinnen.

Die Versicherung, ein Mensch müsse unbedingt aus der Gesellschaft ausgeschieden werden, weil er unbedingt schlecht sei, will auf jeden Fall besagen, daß die Gesellschaft unbedingt gut sei, und das glaubt heute kein vernünftiger Mensch mehr. Man glaubt es nicht und wird sogar eher vom Gegenteil überzeugt sein. Der Scharfrichter ist nicht mehr Priester, sondern Beamter. Das Ergebnis können wir jeden Tag ring um uns sehen, und es ist dergestalt, daß diese Gesellschaft der Jahrhundertmitte, die nach aller Logik das Recht verloren hat, die Todesstrafe zu verhängen, sie jetzt aus Gründen des Realismus abschaffen müßte.

Seit dreißig Jahren sind die Verbrechen des Staates unendlich viel zahlreicher als die Verbrechen der Einzelmenschen.

Unsere Gesellschaft muß sich also viel weniger vor dem Individuum schützen als vor dem Staat. Vielleicht sind in dreißig Jahren die Verhältnisse umgekehrt. Im gegenwärtigen Augenblick jedoch muß die Notwehr sich in erster Linie gegen den Staat richten.

Blutige Gesetzte schaffen blutige Sitten, ist gesagt worden. Aber es kann in einer gegebenen Gesellschaft zu einem Zustand kommen, da allen Ausschreitungen zum Trotz die Sitten nie so blutig werden können wie die Gesetze. Halb Europa kennt diesen Zustand. Wir Franzosen haben ihn ebenfalls erlebt und laufen Gefahr, ihn wieder zu erleben. Die unter der Besetzung Hingerichteten haben die nach der Befreiung Hingerichteten im Gefolge gehabt, deren Freunde wiederum von Vergeltung träumen. Anderswo bereiten von allzuviel Verbrechen belastete Staaten sich vor, ihre Schuld unter noch ärgeren Metzeleien zu begraben. Man tötet für ein Volk oder eine Klasse der Zukunft, die vergöttlicht werden. Man tötet für eine Gesellschaft der Zukunft, die ebenfalls vergöttlicht wird. Wer alles zu wissen vermeint, bildet sich ein, alles zu vermögen. Irdische Götzen, die absoluten Glauben fordern, verkünden unermüdlich absolute Strafen. Und Religionen ohne Transzendenz töten massenweise Verurteilte ohne Hoffnung.

Wie kann unter diesen Umständen die europäische Gesellschaft der Jahrhundertmitte überleben, wenn sie nicht beschließt, den Einzelmenschen mit allen Mitteln gegen die Unterdrückung zu verteidigen? Die Hinrichtung eines Menschen untersagen, hieße öffentlich verkünden, daß die Gesellschaft und der Staat keine absoluten Werte sind und daß nichts sie dazu ermächtigt, endgültige Gesetze zu erlassen und Nichtwiedergutzumachendes zu schaffen.

„Das Schafott beweist immer eines“, sagt Francart, „nämlich daß das Leben des Menschen aufhört, heilig zu sein, sobald es zweckmäßig erscheint, ihn zu töten.“ Offenbar wird dies mit der Zeit immer zweckmäßiger. Das Beispiel pflanzt sich fort, die Ansteckung breitet sich aus. Und mit ihr die Unordnung des Nihilismus. Darum ist es nötig, auf augenfällige Weise Einhalt zu gebieten und in den Grundsätzen und den Einrichtungen zu verkünden, daß die menschliche Person über dem Staat steht.

Die hier abgedruckten Gedanken sind Auszüge aus dem Essay „Die Guillotine“, der in dem Camus-Sammelband „Fragen der Zeit“ 1960 im Rowohlt Verlag erschienen ist.