Tokio, das weiß, daß es nicht schön ist, will wenigstens phantastisch sein", schrieb einmal ein Kenner. Und heute, nach wenigen Tagen schon, meinen manche, "phantastisch" würde die Wertmarke lauten, mit der diese Spiele der XVIII. Olympiade, wie der offizielle Titel heißt, einmal etikettiert werden.

Noch nie, auch nicht Berlin 1936, hat eine Weltstadt, ja ein ganzes Volk, das Gelingen der Olympiade derart zu einer Frage seines nationalen Prestiges gemacht und nicht nur ungeheure Mittel, mehrere Milliarden Mark – in Yen sind das Billionen –, sondern auch seine ganze nationale Energie in dieses Weltfest des Sports investiert.

Ich traute meinen Augen nicht, als ich Tokio nach sechs Jahren wiedersah. Der Flughafen ist "vollautomatisiert", die Zöllner winkten mir freundlich, und bald saß ich in einem Bus, der zuerst zum olympischen Dorf und dann zum Press Center fahren sollte. Einer der 1200 Studenten, die ein Jahr lang auf ihre Aufgabe trainiert wurden und jetzt als Dolmetscher fungieren, trug mir auch gleich die Koffer. Eine Nachhut der Mannschaft von Malaysia stieg noch in den Wagen.

Dann kam das erste der Wunder dieser Olympiade der Superlative: Eine der im Rekordtempo erbauten 77 Kilometer neuen langen Stadtautobahnen, die unter die Erde tauchen, aber auch wieder emporschießen, um als Hochstraße auf Zementstelzen rasante Kurven zu schlagen. Ich schaue auf die Uhr: In genau 20 Minuten ist der Bus im Zentrum Tokios. Damals brauchte ich für die gleiche Strecke mit dem Taxi noch über eine Stunde. Und auch das triste Konglomerat alter Bretterbuden, in denen Menschen hausten, scheint verschwunden.

Nach 35 Minuten kreuzungsfreier Fahrt halten wir vor dem olympischen Dorf, das heute längst kein Dorf mehr ist, sondern eine Stadt mit fast 10 000 Bewohnern; nicht wie damals 1932 unter Kaliforniens ewiger Sonne extra für die Olympioniken erbaut, sondern als neues Wohnviertel geplant, das von Japanern bezogen wird, wenn die Sportler es wieder verlassen haben. Gleich lernte ich aber auch die Grenzen der japanischen Organisation kennen, die minuziös funktioniert, wenn der Ablauf vorher gedrillt ist, die aber versagt und auch "phantastisch" wird, wenn es ans Improvisieren geht. Hierin sind ja die lateinischen Völker Meister, und die Römer waren es. 1960 auch.

Im Pressehaus, wo ein großer Teil der 1000 Journalisten aus aller Welt wohnt, die offiziell zugelassen wurden – aus der Bundesrepublik waren es zuerst nur 30 – ist die Atmosphäre lässig kosmopolitisch. Nur wenn die Star-Reporter, die glauben, daß ihre Schreibmaschinen den Erdball zum Erzittern bringen, sich zum Essensempfang in langer Schlange anstellen müssen, schauen sie nicht mehr so überlegen drein. Aber das Essen ist gut, und deshalb schieben sich durch die rechte Tür mürrische Gestalten, um dann später wie verwandelt aus der linken Tür, an der "out" steht, wieder ganz souverän herauszukommen.

Einige Journalisten, besonders jene aus nördlichen Breiten, haben schon ein gemeinsames Erkennungszeichen: eine Beule an der Stirn. Die lichte Höhe der Türen beträgt nämlich 1,75 Meter. In Tokio gehen nicht nur die Uhren anders, auch die Maßstäbe sind andere.