Joie de vivre à la japonaise –- Soka – Massenproduktion mit Anmut – Verkaufstechnik als Spiel–Gakkai, die aggressive Sekte – Alpdruck mit Klima-Anlage

Es gibt im Wirtschaftsbild Nippons einige trübe Stellen, aber sie sind nicht spezifisch japanisch. Eine ist der akute Wohnungsmangel; selbst würdige Universitätsprofessoren müssen täglich drei oder vier Stunden mit Hin- und Herpendeln in überfüllten Zügen verbringen. Dann gibt es den rapiden Niedergang der kleinen Unternehmen und Heimarbeiter. Auch darin spiegelt sich nur ein weltweiter Trend, aber er droht eine Schicht sozial deklassierter Personen zu schaffen – und eine Masse verknurrter Kleinbürger ist immer eine drohende Gefahr.

Dies leitet zur Politik über. Während der ganzen Nachkriegsperiode ist Japan das vielleicht politisch stabilste Land in ganz Asien gewesen. Nach den blutigen Mai-Unruhen von 1952 verloren die Kommunisten ihren Massenanhang; sie haben nie wieder aufgeholt. Heute verfügen die Kommunisten über vier Prozent der gesamten Stimmen, im Vergleich zu 21,3 Prozent in Frankreich und 25,3 Prozent in Italien. Bei den Intellektuellen und Studenten ist ein Ernüchterungsprozeß zu spüren. Es gibt immer noch viel verworrenes und Wunschdenken, aber das rührt teils aus echtem Pazifismus und teils aus einer Art antikapitalistischer Nostalgie (unter „Kapitalismus“ versteht man in Wirklichkeit „Materialismus“) – eine Sehnsucht, aus der Rattenfalle herauszukommen. Die Avantgarde der neuen japanischen Generation tendiert nicht mehr zur äußersten Linken, sondern eher zu einem passiven, sich selbst bemitleidenden Nihilismus; man findet sie nicht mehr in Fackeldemonstrationen mitmarschierend, sondern in Cafés verkrochen.

Japans politische Stabilität könnte nur durch den unwahrscheinlichen Fall erschüttert werden, daß der gegenwärtige Boom in einer plötzlichen Wirtschaftskrise endete; und sie würde, soweit man das sagen kann, nicht von der traditionellen Rechten oder Linken, sondern aus einer neuen Richtung kommen. So sind manche nachdenkenden Japaner über den spektakulären Aufstieg der Soka Gakkai besorgt – einer militanten religiöspolitischen Sekte, die nach amtlichen Statistiken ihre Mitgliedschaft von eineinhalb Millionen Haushaltsvorständen im Juni 1961 auf 4,3 Millionen im Februar 1964 erhöht hat. Das bedeutet eine Mitgliedschaft von zwölf Millionen Menschen, die in eng verbundenen lokalen, von örtlichen Blockführern kontrollierten Gruppen organisiert sind – was einen, vielleicht ganz ungerechtfertigt, an die Nazi-Blockwarte von ehedem erinnert. Das Unbehagen über Soka Gakkai wird nicht allein durch seine politischen Ziele – die vage und unbestimmt sind – hervorgerufen, sondern durch die Tatsache, daß es so viele Echos aus der Vergangenheit weckt, die einen frösteln machen. Zu Anfang dieses Jahres verwandelten sie die Einweihungsfeierlichkeiten ihres ultramodernen Tempels am Fuß des Fuji in einen hervorragend organisierten Massenaufmarsch im Nürnberger Stil, mit Fahnen, Standarten und Blaskapellen. Das erklärte Ziel der Bewegung ist, die „wahre Religion des Nichiren“ wieder zu beleben. (Nichiren ist ein Reformer des 13. Jahrhunderts; er gründete die einzige buddhistische Sekte, die das Toleranzprinzip anderen Religionsgemeinschaften gegenüber verneinte.) Soka Gakkai hat eine besondere Methode aggressiver Proselytenmacherei – Shakubuku, was ungefähr bedeutet, daß man (des Opponenten Irrtum) bricht und (ihn) zwingt (einem zu folgen). Besondere Broschüren lehren die Sektenmitglieder, den Boden vorzubereiten, indem die privaten Umstände eines möglichen Kandidaten erforscht werden, sie lehren, wie man ohne einen Zentimeter nachzugeben Argumente angreift und zerstört. Eine kürzlich unter Studenten der Universität Tokio veranstaltete Umfrage hat ergeben, daß 70 Prozent derer, die Soka Gakkai beitraten, dies ursprünglich deswegen taten, „weil der Druck so stark war“.

Aber einmal innerhalb der Bewegung, erfährt der Bekehrte ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit, das Gefühl, einer mächtigen Bruderschaft anzugehören, die durch alle sozialen Klassen reicht. Nichiren-Buddhismus ist kaum mit dem Leben nach dem Tode befaßt – außer mit einem unbestimmt vorgestellten Goldenen Zeitalter am Ende der Zeit –, aber in der Form von Soka Gakkai verspricht er dem wahren Gläubigen sofortige, greifbare Belohnungen. Die Führer behaupten, daß die meisten neuen Mitglieder rasche Verbesserungen ihrer Gesundheit, ihrer Geschäfte und ihres Privatlebens vermeldeten – und das kann wohl stimmen, zumindest in der Phase der Anfangs-Euphorie.

Es kann sehr wenig Zweifel geben, daß Soka Gakkai eine psychologisch wirksame Antwort auf die Frustrationen von Japans einsamer Masse und ihrer geistigen Sehnsüchte gefunden hat. Der Absatz der Zeitungen und Zeitschriften der Bewegung geht in die Millionen; es ist die drittstärkste Partei im Oberhaus, und die kürzliche Ankündigung, daß es an den nächsten Wahlen zum Unterhaus teilnehmen werde, hat unter Politikern Bestürzung verursacht. Niemand kennt die genauen politischen Ziele der Sekte. Es ist zweifelhaft, ob selbst die Führer sie kennen. In der Außenpolitik tendieren sie zu Bündnisfreiheit mit einem stark nationalistischen Beigeschmack, in der Innenpolitik ist ihr Hauptanliegen bisher gewesen, Korruption und Verschwendung von Steuergeldern zu! bekämpfen – in einigen Stadträten, wo sie stark vertreten sind, haben sie das ganz erfolgreich getan. Im letzten Jahr scheint sich das langsamt zu haben und es mag sich, mit fortdauernder Prosperität, ausgleichen und schließlich Tempo des Anwachsens von Soka Gakkai verseine Dynamik verlieren. In weiteren fünf Jahren kann die Unruhe, die durch eine Bewegung mit so seltsamen aber vertrauten Zügen hervorgerufen worden ist, vielleicht vergessen sein, aber im Augenblick ragt sie ziemlich groß aus der japanischen Szene.

Ich beziehe mich nicht nur auf die politische Szene. Das Emporschießen verschiedener quasireligiöser Sekten – von denen Soka Gakkai lediglich die mächtigste und politisch bewußteste ist – ist bezeichnend für eine geistige Leere, die materieller Wohlstand allein nicht ausfüllen kann. Doch hier stehen wir wiederum nicht einem besonderen japanischen, sondern einem universalen Problem in einer Epoche besorgter Neubewertung menschlicher Werte gegenüber. Im ganzen scheint die japanische Gesellschaft dieser Herausforderung ganz erfolgreich zu begegnen – besser, wie mir scheint, als einige große westliche Länder. Als ich nach Haus zurückflog, über das wolkenbedeckte Europa, war das aus einem Wirrwarr von Eindrücken entstehende Gesamtbild das einer von Dynamik pulsierenden Nation, die von einer drängenden Zielstrebigkeit getrieben wird. Diese Zielstrebigkeit wird im Gleichgewicht gehalten von einer seltenen Begabung zur joie de vivre, zu erotischer Sinnlichkeit und ästhetischer Sensibilität.