Überlebende der Sonderkommandos im Auschwitz-Prozeß

Von Dietrich Strothmann

An einem Morgen steckte unter der Post des Frankfurter Staatsanwalts Dr. Grossmann auch ein Brief, der keinen Absender trug. In dem Umschlag war ein bedrucktes Blatt. Darauf stand: „Die Wahrheit den Völkern! Keine Gaskammern. Dr. Benedikt Kautsky, führender österreichischer Sozialdemokrat, Volljude, 1938 bis 1945 im KZ, davon drei Jahre in Auschwitz, schreibt in seinem Buch ‚Teufel und Verdammte‘, erschienen in der Schweiz 1946: Ich muß aber der Wahrheit gemäß feststellen, daß ich in keinem Lager jemals eine Einrichtung wie eine Vergasungskammer angetroffen habe.“ Unterschrieben war dieses „Antigreuel“-Flugblatt von Einar Aberg, dem Anführer eines faschistischen Klüngels aus Norrvihen in Schweden.

Der Chefankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, der seit hundert Verhandlungstagen von seiner Bank auf der provisorisch zurechtgezimmerten Gerichtstribüne im großen Saal des Bürgerhauses „Gallus“ an der Frankenallee Zeugen befragt und Angeklagte zur Rede stellt, schob das schwedische Pamphlet achtlos zur Seite. Solche Post, auch Drohbriefe darunter, ist seit Beginn dieses „größten deutschen Prozesses der Nachkriegsgeschichte“ fast täglich auf seinen Tisch geflattert. Grossmann, der die Anklageschrift verfaßte und die in 88 Bänden gesammelten Gerichtsakten im Verfahren „gegen Mulka und andere“ studierte, weiß es besser als alle Kautskys und Abergs zusammen. Er weiß, was in jenen schrecklichen Jahren von 1942 bis 1944 in dem größten Vernichtungslager der Nazis, was in Auschwitz geschah: Zwei bis drei Millionen Menschen, Juden aus Polen, Zigeuner, sowjetische Kriegsgefangene wurden dort umgebracht.

Kameraderie der Furcht

Aber der Österreicher Kautsky war wohl mit Blindheit geschlagen, so wie auch einige der Angeklagten, die sich zwanzig Jahre danach für ihre Taten verantworten müssen und die schon damals „nichts wußten“, und die sich heute nicht mehr „daran erinnern“ wollen. Oder wie ihre ehemaligen Kameraden von der SS-Wachmannschaft, von der Fahrbereitschaft, die Standortärzte, die als Zeugen auftraten und drumherumredeten oder gleichgültig abwinkten: „Davon hatte ich keine Ahnung“ – „Das habe ich nicht gesehen“ – „Kenne ich nur vom Hörensagen“. Und sie lügen fast alle und bleiben unvereidigt.

Denn sie haben Angst. Angst, weil auch sie vielleicht „Dreck am Stecken haben“, und es einer der Angeklagten wissen und „auspacken“ könnte. Angst auch, so sprach es einer offen aus, weil man mit ihm später „nicht viel Federlesens“ machen würde. Es gibt unter den „schwarzen Männern“ von Auschwitz mit dem Totenkopf auf dem Uniformrockspiegel nicht nur eine Kameraderie der Verschworenen. Es gibt auch eine Kameraderie der Furcht: Wie du mir, so ich dir. Jeder hat noch immer jeden in der Hand, noch zwanzig Jahre danach.