Von Marcel Reich-Ranicki

Wovon jeder Verleger träumt, worum sich jeder Lektor müht, worauf jeder Kritiker wartet und was leider nur selten bescheinigt werden kann – das ist diesmal dem literarischen Leiter des Walter-Verlages zu Olten in der Schweiz, Otto F. Walter, geglückt: die Entdeckung eines jungen, bisher gänzlich unbekannten und zugleich hochbegabten Schriftstellers.

Er heißt Peter Bichsel, wurde 1935 in Luzern geboren, ist von Beruf Lehrer und lebt jetzt in einem Schweizer Ort namens Zuchwil, der winzig sein muß, da ich ihn in mehreren Atlanten vergeblich gesucht habe. Die ersten Arbeiten Bichsels, kleine Prosastücke, die meist nicht mehr als 40 bis 80 Druckzeilen umfassen, füllen kaum ein dünnes Heft. Aber dem Bild der zeitgenössischen deutschen Literatur fügen sie auf ebenso stille wie entschiedene Weise neue Züge hinzu –

Peter Bichsel: „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“, 21 Geschichten; Walter-Druck 2, Walter-Verlag, Olten/Freiburg; 59 S., 15,– DM.

Diese Miniaturen haben ihr eigenartiges Maß in sich. Um Geschichten handelt es sich. Doch geschieht in ihnen nichts oder fast nichts. Idyllen scheinen es zu sein. Doch kennen sie keine Idyllik. Anekdoten lesen wir. Doch finden wir keine Pointen. Mit Provokationen haben wir es zu tun. Doch nicht die Worte dieses Autors wirken provozierend, sondern seine Pausen.

Es ist die Diktion Bichsels, die sofort Sympathie und bald auch Vertrauen erweckt. Endlich jemand, der keine Originalität anstrebt, der nicht nach Effekten jagt und uns nicht mit stilistischen Kapriolen überrumpeln will, der nicht gewaltsam versucht, mit der Sprache aufzutrumpfen. Er verläßt sich auf den Wortschatz des Alltags. Er schreibt einfache, klare Sätze, denen etwas Solides anhaftet, wobei er das Risiko auf sich nimmt, daß man die Einfachheit seines Ausdrucks mit Dürftigkeit verwechselt und die Solidität für Biederkeit hält.

Ihm gelingt es, einsilbig, bündig und wortkarg zu sein und doch immer den Eindruck der Künstlichkeit, der Affektation oder gar des Krampfes zu vermeiden. Im Gegenteil: Akkuratesse und Disziplin verbinden sich hier mit erstaunlicher Gelassenheit. Allerdings, Glanz, Bravour und Brillanz sind Bichsels Sache nicht. Aber man kann dieser Prosa eine, wie mir scheint, wichtigere Eigenschaft nachrühmen, der man in der heutigen deutschen Literatur nur in Ausnahmefällen begegnet: die Anmut der Natürlichkeit.