Von Walter Boehlich

Das Werden des Sprachkörpers vollzieht sich weithin unabhängig von der Bildungsgeschichte. Hugo Moser

In einigen Tagen wird, wie man erfährt, der neue Bonner Rektor feierlich in sein Amt eingeführt. Die zuständige Körperschaft hat ihn frei und unbeeinflußt gewählt, neunzehn Jahre nach dem blutigen Untergang der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, in der Hauptstadt der Bundesrepublik. Sein Name ist Hugo Moser.

Die Bonner Universität, ausgezeichnet seit jeher durch hervorragende Lehrer, gezeichnet aber auch allzu oft vom Makel nationalistischer Verblendung, müßte gewußt haben, was sie tat, als sie sich für Hugo Moser entschied. In den Augen der gesitteten Welt haftet ihr noch immer an, daß sie es war, die Thomas Mann den Ehrendoktor aberkannte, und es haftet ihr in manchen Augen wohl noch immer an, daß sie bis zum heutigen Tage nicht erklärt hat, wessen Unterschrift unter dem beschämenden Dokument steht, noch, was sich damals wirklich in ihrer philosophischen Fakultät abgespielt hat.

Niemand macht ihr die Mitglieder ihres Lehrkörpers zum Vorwurf, die sich einmal enthusiastisch zu Hitler bekannt haben, da zu wenige, und gerade in Bonn, sich klar darüber zu sein scheinen, wie in diesem Lande Demokratie eingeübt werden könnte und was unter Hitler geschehen ist.

Nicht nur in Bonn, allenthalben an den Universitäten der Bundesrepublik weigert man sich, die Frage nach der Rolle der Universitäten im Dritten Reich und nach ihrer Schuld zu stellen. Und weil dies so ist, weil man sich blind und taub stellt, läßt man den Karren laufen, wie er nun einmal läuft, sei es aus Unwissenheit, sei es aus bösem Willen, sei es aus falsch verstandener Kollegialität, immer in der Annahme oder doch der Hoffnung, daß den Hochschulen ohnedies kein öffentliches Interesse gezollt werde.

Die Fiktion, daß es keine Alternative für Hugo Moser gegeben hätte, ist kränkend; sie ist kränkend für alle diejenigen, die nie mit Hitler paktiert haben. Die Fiktion, daß es keine Alternative für Hugo Moser zu geben brauchte, ist ebenfalls kränkend; sie ist kränkend für diejenigen, die nicht wünschen, daß in ein solches Amt berufen wird, wer einmal mit Hitler paktiert hat. Für die Universitäten kann nicht recht sein, was für politische Parteien billig geworden ist.

Als Hugo Moser promoviert und vierundzwanzig Jahre alt war, schrieb er einen Aufsatz im Deutschen Erzieher (Kampfblatt der im Nationalsozialistischen Lehrerbund geeinten Erzieherschaft des Gaues Württemberg-Hohenzollern). Dieser Aufsatz hieß „Auslandsdeutschtum und völkische Erziehung“. Er forderte die Erziehung der Schüler „zum völkischen, also zum deutschen Menschen“. „Deutscher Mensch sein aber heißt: Glied, alle innewohnenden Anlagen voll entwickelndes Glied am deutschen Volkskörper sein.“

Das gefällt mir nicht. Es gefällt mir auch nicht, daß das Volkstum sich auf Blut, Boden und Geschichte gründen soll, aber ich erkläre mich in dieser Frage für unzuständig – unzuständig, solange ich nicht erfahre, daß dieser Volksgedanke mit dem Sieg des Nationalsozialismus zum Durchbruch gekommen sei und daß das Grenzlanddeutschtum dem deutschen Volk den Führer geschenkt habe, der es aus der Verwirrung der Nachkriegszeit herausführe.

Nun schön, Moser war damals jung, und seine Eltern und Lehrer mögen schuldiger an diesem Irrsinn sein als er selber. Aber mußte er – als Philologe – seinen völkischen Rausch bis zu der Behauptung steigern, „daß Doppelsprachigkeit leicht zu einer Schädigung des Charakters oder zu kultureller Unfruchtbarkeit führt“? Muß, darf, wer solches schrieb, heute Universitätsrektor werden? Muß und darf heute Rektor werden, wer 1938 (zusammen mit H. P. Gericke und A. Quellmalz) ein Buch mit dem Titel „Lieder unseres Volkes“ herausbrachte, in dessei Nachwort steht: „Mit diesem Buch haben wir uns das Ziel gesetzt, aus dem Liederschatz unseres über die ganze Welt verbreiteten Volkes das zusammenzutragen, was unseres Erachtens so wertvoll oder mit der Geschichte unseres Volkes so stark verknüpft ist, daß es für die Gegenwart und Zukunft verpflichtendes Erbe bleibt“?

Und wie sah dieses verpflichtende Erbe aus? „Die Fahne hoch“, „Unsre Fahne flattert uns voran“, „Die Straße frei den braunen Bataillonen“, „Wir marschieren für Hitler“ – und so weiter. Wem das nicht genügt, der blättre in dem Ergänzungsband von 1942 „Neue Lieder unseres Volkes“.

Damals war Hugo Moser kein junger Mann mehr, sondern dreiunddreißig Jahre alt, reif genug, um zu wissen, was er tat. Er hätte sich statt dessen ja auch mit Flurnamen oder, wie er gern sagt, „örtlichkeitsnamen“ beschäftigen können. Noch einmal: ein Ordinariat für einen solchen Mann – wenn es nicht anders geht. Ein Rektorat – nein.

Man wird mir entgegenhalten, daß ich das eigene Nest beschmutzte, in der Vergangenheit wühlte, und was man sonst in solchem Falle zu hören bekommt. Die Universität Bonn hätte sich das ersparen können. Man wird mir auch entgegenhalten, daß Hugo Moser seit zwanzig Jahren nichts Böses mehr getan habe, daß er vermutlich seine Irrtümer bereue und ein trefflicher Lehrer unserer akademischen Jugend geworden sei. Aber seine neueren Veröffentlichungen (die jedenfalls, die ich gelesen habe) lassen mich daran zweifeln.

Natürlich, Adolf Hitler beschwört er nicht mehr, die Doppelsprachigkeit verdächtigt er nicht mehr, das Biologische betet er nicht mehr an, er wird jetzt auch andere Lieder als verpflichtendes Erbe preisen, aber es ist etwas in seinen Schriften, das mich an vergangene Zeiten erinnert. Hugo Moser wird das nicht merken, denn er möchte sich ja nicht verraten, aber seine Sprache verrät ihn. Dagegen hilft kein Studium und kein Lehrstuhl.

So lese ich etwa in einem vielbenutzten Lehrbuch aus seiner Feder: „durch Umsiedlung der Deutschen verschwanden 1940/42 die Sprachinseln des Baltikums .. .; auch ein Teil der Südtiroler wurde ausgesiedelt. Nach 1945 erfolgte die Aussiedlung der meisten Deutschen in Schlesien, Hinterpommern, Ostpreußen ... nach Deutschland.“ Oder: „Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde jiddisch von etwa zwei Dritteln des Weltjudentums, d. h. etwa von 12 Millionen, gesprochen. Heute, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, ist der Weiterbestand des Jiddischen in Frage gestellt.“ Oder in einer anderen Schrift: „Im Zusammenhang mit der politischen Teilung Deutschlands, wie sie seit 1945 eingetreten ist...“

Das ist eine seltsame Philologie, die den Ursachen sprachlichen Wandels so hilflos Und schweigsam gegenübersteht wie Naturereignissen! Da hat offensichtlich irgend jemand erst die Balten um- und dann die Südtiroler ausgesiedelt, ganz harmlos, hilfreich sicherlich, und irgendein geheimnisvolles Ereignis, jenseits von Gut und Böse, hat dafür gesorgt, daß die Deutschen aus-Pommern und Schlesien und so weiter ausgesiedelt wurden. Da hätte ich nun wirklich gern den Namen Adolf Hitlers gelesen. Und der Zweite Weltkrieg war halt eine simple Katastrophe, die ausgerechnet den Weiterbestand des Jiddischen in Frage gestellt hat. Ist er denn in aller Unschuld gegen das „Weltjudentum“ geführt worden? Und die politische Teilung Deutschlands ist schlicht eingetreten, wie ein Schnupfen offensichtlich. Seltsam, sehr seltsam.

Ich fürchte, daß man auf solche Weise weder die deutsche Geschichte noch die Geschichte der deutschen Sprache verstehen kann, und frage mich, was aus Studenten werden soll, die einen solchen Unterricht bekommen. Die mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache ist in dieser Ecke der Germanistik nichts Ungewohntes und ruft längst kein Erstaunen mehr hervor. Kritik hervorrufen muß aber das mangelnde Verständnis für das, was den Unterschied faschistischer und demokratischer Lehre ausmacht. Die Mäßi-. gung, die sich Hugo Moser heute auferlegt, spricht ebenso sehr gegen ihn wie die Maßlosigkeit, deren er sich vor 1945 schuldig gemacht hat.

Mit seinen wissenschaftlichen Theorien muß sich die Germanistik auseinandersetzen – und sie tut es. Mit den politischen Implikationen dieser Theorien und mit seiner Vergangenheit hätte sich die Bonner Universität auseinandersetzen müssen, bevor sie ihn zum Rektor wählte. An eine Erneuerung der deutschen Universitäten werden wir so lange nicht glauben können, wie Rektoren nicht anders ernannt werden als Aufsichtsratsmitglieder. Ein Rektor soll seine Universität vor nationalen und internationalen Gremien repräsentieren. Ist Hugo Moser dafür wirklich geeignet? So, wie er geschrieben hat, so, wie er schreibt?