Noch sind nicht alle Einzelheiten über den dramatischen Führungswechsel in Moskau bekannt. Aber eines steht fest: Die offizielle Version über den Rücktritt Chruschtschows stimmt mit den wirklichen Vorgängen nicht überein. Gewiß stand Chruschtschow bereits in seinem 71. Lebensjahr; auch hielt er es für ratsam, mehrmals im Jahr in Sotschi Urlaub zu machen. Indessen war er alles andere als krank – im Gegenteil. Seine Aktivität und sein unermüdlicher Eifer setzten alle in Erstaunen, auch in den letzten Wochen vor seinem Sturz. Der Rücktritt Chruschtschows hat nichts mit seiner Gesundheit und seinem Alter zu tun, sondern ist auf scharfe politische Auseinandersetzungen in der Kreml-Führung zurückzuführen.

Wie war es möglich, diesen scheinbar allmächtigen Herrscher der Sowjetunion aus seiner Machtposition zu drängen? Scheinbar allmächtig, denn Chruschtschow hat zu keinem Zeitpunkt jene Machtfülle besessen, über die einst Stalin verfügte. Zwar vereinigte auch er die beiden entscheidenden Machtfunktionen in seiner Hand; seit Mitte September 1953 war er Erster Sekretär des Zentralkomitees der Partei, seit Ende März 1958 Vorsitzender des sowjetischen Ministerrates. Aber selbst nachdem es ihm gelungen war, 1957 Malenkow, Molotow und Kaganowitsch auszubooten, war seine Position noch keineswegs vollständig ungefährdet. Sein Eintreten für die Entstalinisierung, für eine Verbesserung der Beziehungen mit dem Westen, vor allem den USA, und für die Konsumgüterproduktion im Innern des Landes stieß wiederholt auf ernsthafte Widerstände.

So mag es nicht verwundern, daß er 1962 zweimal öffentlich darauf hinwies, daß er sich schon im "Pensionsalter" befinde. "Jeder begreift, daß ich den Posten, den ich jetzt im Staat und in der Partei bekleide, nicht ewig einnehmen kann", erklärte er dann auf einer Tagung der Industrie- und Baufunktionäre in Moskau am 24. April 1963.

Gewiß: mit der Degradierung Koslows schien sich Chruschtschows Position vorübergehend wieder zu festigen, aber in den letzten Monaten häuften sich erneut die Meldungen über Auseinandersetzungen in der Kreml-Führung und über zunehmende Schwierigkeiten Chruschtschows.

Aufgestaute Unzufriedenheit

Sowohl Chruschtschows Politik wie auch seine Führungsmethoden haben in den Kreisen des Apparates – vor allem des Parteiapparates – in zunehmendem Maß zu Mißstimmungen und schließlich zu einer Entfremdung geführt. Chruschtschow war einst mit Unterstützung der Parteifunktionäre, ja als "ihr Mann" an die Spitze gelangt. In den letzten Jahren aber, vor allem seit 1959, hat er häufig ohne, in einigen Fällen sogar gegen den Parteiapparat regiert.

Die Sitzungen des aus 175 Mitgliedern und 155 Kandidaten bestehenden Zentralkomitees wandelte er in Mammutversammlungen um, an denen bis zu 3000 oder 4000 Personen teilnahmen. An Stelle der "reinen" Parteiprobleme standen oft praktische Fragen der Industrie und Landwirtschaft im Vordergrund. Und darum führten nicht mehr die Parteifunktionäre das entscheidende Wort, sondern in vielen Fällen Agronomen, Ingenieure und Wissenschaftler, die manchmal nicht einmal Mitglieder der Partei waren. Chruschtschows Parteireform vom November 1962, die den Parteiapparat in einen industriellen und einen landwirtschaftlichen Sektor teilte, verschärfte die Mißstimmung noch.