R. H., Hamburg

Fernab vom wachsenden Universitätsviertel, von den respektablen Bühnen und Museen der Stadt, abgelegen auch vom Hafen und den Kaufmannshäusern liegt Hamburgs kleines avantgardistisches Theater versteckt. Es heißt nach seinem Gründungsjahr „theater 53“ und gehört zu den sechs Privattheatern, die es neben den staatlich subventionierten Bühnen gibt. Gründer, Leiter und Motor des „theaters 53“ ist der Schauspieler Karl-Ulrich Mewes. Diesem Motor nun fehlt es an Treibstoff, und die Deputation der Hamburger Kulturbehörde überlegt zur Zeit, wie er weiter in Gang gehalten werden kann. 40 000 Mark Zuschuß pro Jahr reichen nicht aus.

Gegründet wurde dieses Theater in einem Luftschutzbunker an der Rothenbaumchaussee an Rande des HSV-Fußballplatzes, nahe dem Rundfunk, der Universität und den jetzt mit 63 000 Mark jährlich unterstützten Hamburger Kammerspielen. Vier Jahre nach der Gründung mußte das „theater 53“ den Bunker verlassen und an anderer Stelle in den Untergrund gehen. Seither domiziliert es an der Landwehr. An einem bescheidenen Etagenhaus ist das Namensschild angebracht. Der Eingang zum Theater führt durch eine Gastwirtschaft. Der Theke gegenüber liegt die Tür zur Treppe nach unten. Am Fuß der Kellerstufen empfängt den Besucher ein kleiner Raum mit der Garderobe. Daneben liegt der Zuschauerraum.

Im Bunker an der Rothenbaumchaussee hatte das „theater 53“ nur sechzig Plätze. Dreimal soviel Besucher aber begehrten Einlaß. Im Keller an der Landwehr gibt es 129 Sitzplätze. Doch niemand drängt sich an der Kasse. Höchstens, wenn Premiere ist. Dann hat die Wirtin im Lokal während der Pause Mühe, genügend kleine Biere und Filterkaffees heranzubringen. Im Bunker hatten einst begeisterte, meist jüngere Hamburger die ersten Ionescos gesehen. Der nicht langweiliger gewordene Spielplan an der Landwehr lockt sie nicht mehr an. Viele Plätze bleiben leer, Abend für Abend.

Natürlich wäre Bühnenchef Mewes manche Sorgen los, wenn er verdauliche Kost böte. Aber der Spielplan allein machte es nicht, daß von den 129 Plätzen durchschnittlich nur siebzig Prozent besetzt sind. Besucherorganisationen, wie die Volksbühne und der Kulturring der Jugend, nahmen bisher einen großen Teil der Eintrittskirten ab. Doch auch diese Zeiten sind vorbei: die Freie Volksbühne kauft statt der früher erworbenen 13 000 nur noch 8500 Karten, der Kulturring der Jugend hat in dieser Spielzeit keinen einzigen Platz belegt.

Es liegt wohl doch an der Landwehr. Sie ist unbequem zu erreichen, und es lohnt nicht, für den dämmrigen Keller die Hausschuhe aus- und das dunkle Kleid anzuziehen. Wenn die Hamburger schon ein Theater besuchen, dann wollen die meisten eben in eins gehen, das festlich ist, wo sie Leute sehen und selber gesehen werden. Der Keller zieht nur wenige an.

Auch die Theaterleute haben es nicht leicht. Unter einem Handwerksbetrieb, der Krach macht, neben einem Keller, in dem Koks geschaufelt wird, muß tagsüber geprobt werden. Am Abend dürfen sie nicht zu laut reden, damit niemand geweckt wird und etwa Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung erstattet. Das alles hat Miniaturunternehmer Mewes zu bedenken. Er würde es freilich mit Gelassenheit tragen, hätte er nicht obendrein noch den finanziellen Kummer.